1. Juni
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Bewertung:4

Das Chaos ist Programm … Denn das Chaos, das legt sich wie ein Schleier über Heddas gesamtes Leben. Schnell wird jedoch klar: Dafür, dass das Chaos auf diese Weise ausbricht, scheint Hedda längst nicht allein verantwortlich zu sein. Denn Chaos, das gab es auch in ihrer Vergangenheit bereits reichlich und ein dysfunktionales Familienumfeld beeinflusst ihr Leben nachhaltig. Nicht nur Heddas Leben wirkt chaotischer denn je - auch die Erzählstruktur gleicht zunächst einem kleinen „Wirrwarr“. Die ersten Kapitel fühlen sich an wie eines dieser Rätsel, bei denen man den richtigen Weg von A, B und C durch ein Chaos-Knäuel zu 1, 2 und 3 finden muss. Man fragt sich: Bin ich gerade im Hier und Jetzt oder in der Vergangenheit? Die gute Nachricht ist: Es gibt einen roten Faden. Ihr müsst lediglich auf die Überschriften oder deren Fehlen achten. Was sich bereits andeutet: Es handelt sich um eine eher unkonventionelle Erzählweise. Klassische Romanstrukturen werden aufgebrochen (alleine der Epilog beinhaltet gefühlt mehrere Kapitel), Zeitebenen vermischen sich, und dennoch entsteht nach und nach ein Gesamtbild, sobald man beginnt, sich auf das Buch einzulassen. Die Autorin arbeitet mit verschiedenen Motiven (z.B. Räume als Identität), die dem Buch Rahmung geben. Die Schreibweise ist klar und modern. Das Buch bewegt sich zwischen Hedda als herrlich chaotischer, intelligenter und leicht sarkastischer Figur, die mich mit ihrer trockenen Art sowohl zum Lachen als auch beinahe zum Weinen gebracht hat, und sehr ernsten Themen (Triggerwarnung vorhanden) sowie familiären Konflikten. Beide Gefühlsebenen waren für mich da und dabei so eng miteinander verwoben, dass man sogar beginnt, die eigenen Gefühle ordnen zu wollen. Schwarz-Weiß ist in diesem Buch gar nichts. Je weiter ich gelesen habe, desto stärker wurde ich in Heddas Gedankenwelt hineingezogen. Besonders die Auseinandersetzung mit ihrem Vater und die Frage, was Eltern-Kind-Beziehungen wirklich ausmacht, haben mich persönlich beschäftigt und zum nachdenken gebracht. Ein Thema, dass den ein oder anderen Lesenden der Generation Y und Z vielleicht bekannt vorkommen mag. Für mich lebt das Buch davon, dass es anders ist. Es fordert Umdenken und die Bereitschaft, sich auf sein Chaos einzulassen. Wer eine klassische, geradlinige Geschichte sucht, wird möglicherweise Schwierigkeiten haben. Wer jedoch Freude an ungewöhnlicher Literatur hat, wird an diesem Buch seine Freude haben. Ein chaotischer, aber auch kluger und emotionaler Roman, der auf mehreren Ebenen wirkt und überzeugt!

Chaos
Chaosvon Andréa Ager-HanssenEichborn