Ich wusste nach zehn Seiten, dass das besser als gut wird.
Ich habe schon mehrere gute Bücher gelesen, aber es kommt selten vor, dass ich nach zehn Seiten eines Buches weiß: Das wird etwas Besonderes. Das wird ein Leseerlebnis, das du dein Leben lang nicht mehr vergessen wirst. Und ich muss sogar überlegen, ob ich die Liste meiner Lieblingsbücher nicht umstrukturieren sollte. Vielleicht sollte ich nicht einfach nur danach gehen, dass mich Bücher abgeholt haben und ich besonderen Spaß daran hatte, sie zu lesen, sondern danach, dass ich diese Bücher erlebt habe und sie immer wieder aufs Neue erleben will. Da fallen mir tatsächlich nur Die Brüder Karamasow und 1Q84 von Murakami ein. Obwohl ich den dritten Band der Trilogie noch nicht gelesen habe, habe ich keinen Zweifel daran, dass es mit das Beste sein wird, was ich je gelesen habe. Was erleben wir in 1Q84 — oder besser gesagt: Was erleben wir nicht? Kein Wort in diesem Roman ist überflüssig. Keine Seite ist zu viel. Jedes Kapitel, jeder Absatz, jede Zeile ist wichtig für das Gesamtbild der Geschichte, die Murakami erzählt. Zum einen erleben wir die Geschichte eines Mannes und einer Frau, die sich sehnsüchtig nacheinander durchs Leben bewegt haben, die sich zuletzt gesehen haben, als sie zehn Jahre alt waren, und die mit dreißig immer noch das Herz des anderen bewohnen. Doch dies einfach als Liebesgeschichte abzutun, würde dem Roman schlichtweg nicht gerecht werden. Wir erleben eine Parallelwelt. Wir erleben eine Sekte. Wir erleben Fabelwesen. Wir erleben eine Komplexität der Handlung, die ihresgleichen sucht. Das Schicksal der beiden Hauptfiguren ist auf eine so extravagante Art und Weise miteinander verbunden und verschmolzen, dass man diesem Werk mit bloßen Worten kaum gerecht werden kann. Denn nur Murakami selbst vermag es, diese Geschichte so zu erzählen, dass sie den Wert, den sie in sich trägt, vollkommen transportiert. Wir erleben Spannung. Wir erleben Dramatik. Wir erleben zwischenmenschliche Nähe, aber auch die Kälte der Menschheit. Wir erleben die gnadenlose, brutale menschliche Natur, wenn Menschen ihr Leben auf der dunklen Seite verbringen — und gleichzeitig die Zerrissenheit und die Narben eines Menschen, der von seinen Emotionen erschüttert wurde. Ich hoffe, diese Rezension gibt genug Anreiz für diejenigen, die das Buch noch nicht gelesen haben, es endlich zur Hand zu nehmen. Natürlich nimmt Murakami kein Blatt vor den Mund. Wir erleben auch explizite Szenen, die einem den Kloß im Hals spüren lassen. Unverblümt, direkt — und genau deshalb so unglaublich echt. Wenn man Begeisterung überhaupt in Worte fassen kann, dann würde ich mir wünschen, für dieses Buch die richtigen Worte gefunden zu haben. Eine ganz klare Empfehlung — nicht nur für Fans von Murakami, sondern für absolut jeden. Denn hier wird Literatur auf höchstem Niveau geboten.



































