1. Okt.
Bewertung:4

Leise, gedankenverloren und authentisch — die Geschichte eines jungen Mannes, der auszog, um alles hinter sich zu lassen „Der Bergmann“ von Natsume Sōseki ist in einer funkelnagelneuen Ausgabe beim Dumont Buchverlag erschienen, und das nahm ich mir zum Anlass, diese 1908 erstmalig erschienene Geschichte zu lesen. In diesem Buch geht es um einen namenlosen Protagonisten, der von seinem vermögenden Elternhaus ausgerissen ist, weil er sich nicht zwischen zwei Frauen entscheiden konnte. Das Gefühl, dass er nie wieder heim kehren kann, und das der Scham treibt ihn immer weiter ins Dunkel. Bereits am Anfang seiner kopflosen Flucht aus Tokio trifft er auf einen fragwürdigen Mann namens Chōzō, der ihn in einer kuriosen Sprache fragt, ob „er denn keine Absicht hat, zu arbeiten“. Völlig verdattert über dieses unerwartete Angebot willigt unser Protagonist nach kurzer Zeit ein, Bergmann zu werden, da er sein Heim mit nicht weniger als dem, was er am Leibe trägt und einigen wenigen Münzen verlassen hat und nach seinen Schätzungen ein wenig Geld gut gebrauchen kann. Und schon beginnt seine beschwerliche, dem Leser viele Wochen lang erscheinende Reise zum Berg hin. Während er anfangs nichts mit seinem Leben anzufangen weiß und sogar über Selbstmord nachdenkt, gibt ihm die Aussicht Bergmann zu werden, das gute Gefühl eines Sinns. Natsume Sōseki beschreibt in einem der letzten Werke vor seinem Tod einen recht gedankenverlorenen Protagonisten, der über alles und jeden und vor allem jede seiner Handlungen und sogar Gedanken grübelt. Was ist der Sinn? Kann er wirklich nie wieder zurück nach Hause? Verschwendet er sein Leben? Und kann die Arbeit als Bergmann in den tiefen einer Mine ihm wirklich das geben, wonach sein Herz sich sehnt? Während der dem Leser doch sehr lang erscheinenden Reise, die am Ende doch nur zwei Tage gedauert hat, macht unser Protagonist sich so viele Gedanken, dass die 240 Seiten des Buchs schnell gefüllt sind. Und tatsächlich, zwei Drittel des „Bergmanns“ handeln ausschließlich von dem Weg zum Berg, einigen Rückblicken und den Gedanken des Protagonisten. Eine Ruhe stellt sich ein, ein Frieden beschleicht einen beim Lesen. Als nach und nach noch einige weitere Figuren sich zum jungen Mann und Chōzō dazu gesellen, die dieser ebenfalls für die Arbeit als Bergmann anheuert, wird die Geschichte etwas farbenfroher und die verschiedenen Charaktere mischen die bisherige Stille ein wenig auf. Ich hatte bislang vorgehabt zu sterben. Ich hatte vorgehabt, wenn nicht zu sterben, an einen menschenleeren Ort zu gehen. Da mir das alles nicht gelang, sah ich mich veranlasst, für mein Weiterleben zu arbeiten. Geldmachen oder nicht, diese Frage war mir in dem Augenblick völlig egal. Nicht nur die unaufgeregte Handlung hat mir sehr gut gefallen, sondern auch die Erzählsprache. Wie bei so manchen Büchern aus dem asiatischen Raum, die ich bisher gelesen habe, ist beim „Bergmann“ genau dieser ruhige, leise Ton das, was am meisten heraussticht. Diese völlig andere Mentalität im Vergleich zu deutschen Autoren finde ich immer wahnsinnig bestechend und tauche dank ihr völlig in die Geschichte ein. (Das einzige deutsche Buch, bei dem diese Sprache annähernd getroffen wurde, ist Barbara Kennewegs „Haus für eine Person“.) Die Geschichte um unseren ziellosen Protagonisten hat mir sehr viel Freude bereitet und als er schließlich im Bergwerk ankommt und sich seines „Glücks“, Bergmann zu werden, bewusst wird, nimmt die Geschichte noch einmal einen kleinen Schlenker und auf der allerletzten Seite erfahren wir erst, ob er nun seine Berufung gefunden hat oder nicht. Die vollständige Rezension findet ihr auf meinem Blog: https://killmonotony.de/rezension/natsume-soseki-der-bergmann

Der Bergmann
Der Bergmannvon Natsume SōsekiDuMont Buchverlag
8. Nov.
Bewertung:4

Up front, I'll admit that I'd expected a completely different novel from what I'd read about it as a blurb. I'd expected a book of a darker and more poetic vein. Instead I got a book that felt like Goethe's Werther had teamed up with Salinger's Holden Caulfield to write a shorter version of [b:The Life and Opinions of Tristram Shandy, Gentleman|76527|The Life and Opinions of Tristram Shandy, Gentleman|Laurence Sterne|https://i.gr-assets.com/images/S/compressed.photo.goodreads.com/books/1403402384i/76527._SY75_.jpg|2280279], with Theodor Fontane doing some heavy "naturalism" editing on the descriptive sections so that some moments and movements became painstakingly detailed. But other than with Tristram Shandy, I never was quite sure whether I was supposed to laugh, or to care about the narrator's younger-day plight. I was interested and completely unaffected at the same time - which was a new feeling for me in connection with fiction writing I actually don't regret reading at all. I also wasn't expecting how little the inner conflict of a love triangle between the narrator's younger self and two young women would figure when it was such a main point, according to the blurb. Also, I'm not sure there was such a conflict in the way it was hinted at. The conflict seemed to be more between emotional desire and social expectation, merely manifesting in the form of the two women. And then there was the structure of the novel which preempted the outcome in certain respects. There is a narrator who is the older self of the main character who runs away from home to commit suicide - and, when he can't go through with it, to become a miner and perish in the copper mines instead. Obviously, the even only mildly attentive reader now knows already that the main character will survive in the end which certainly decreases the level of fearfulness towards the main character's fate. For most of the book I was completely clueless where this was heading, and how I would rate the book in the end. As I said, I've never been that interested and unaffected at the same time before. What saved the book, start to finish, was the end. I almost fell off my seat laughing (and got some weird looks) when I read it. And I suddenly felt that whoever wrote that blurb never even read the book, and whoever told them about it didn't get the humour of it. For in the end, the "miner" did work at the mine. As a bookkeeper for the supplies section. For something like five months. Before returning to his well-off Tokyo life. Chapeau, Mr Natsume Soseki.

Der Bergmann
Der Bergmannvon Natsume SōsekiDuMont Buchverlag