
Wenn Weltpolitik plötzlich sehr nah wirkt
Auf meinem Posten ist kein Buch, das man mal eben nebenbei wegatmet wie einen leichten Krimi auf dem Sofa. Hier sitzt man eher mit Kaffee da, liest zwei Seiten und denkt sich: Junge, was in dieser Welt eigentlich alles gleichzeitig brennt, ist schon frech. Jens Stoltenberg nimmt einen mit hinter die Kulissen der NATO, und genau da wird es spannend. Nicht im Sinne von Actionfilm mit Explosionen alle fünf Minuten, sondern eher dieses trockene, politische Dauerknistern, bei dem man merkt: Ein falscher Satz, ein falscher Moment, und irgendwo wird es richtig ungemütlich. Afghanistan, Krim, Ukraine, Russland, China, Trump, Merkel, Selenskyj, Putin. Das ist schon ein ziemlich schwerer Rucksack, den dieses Buch mitbringt. Was mir gefallen hat: Stoltenberg schreibt angenehm klar. Kein unnötiges Fachchinesisch, kein aufgeblasenes Politiktheater, sondern viel Einordnung, viele Begegnungen und ein Blick darauf, wie Diplomatie funktioniert, wenn draußen längst Sturm ist. Man merkt natürlich, dass er seine eigene Rolle nicht komplett kritisch zerlegt. Überraschung, er schreibt hier nicht seine persönliche Abrechnung mit sich selbst. Trotzdem wirkt das Buch oft erstaunlich ruhig, reflektiert und nahbar. Emotional wurde es für mich vor allem da, wo klar wird, wie wenig Sicherheit selbstverständlich ist. Da liest man plötzlich nicht mehr nur über Sitzungen, Bündnisse und Strategien, sondern über die ziemlich simple Frage: Wie verhindert man, dass aus Krise Krieg wird? Für mich ist das ein starkes, wichtiges und sehr aktuelles Sachbuch. Nicht perfekt, weil es stellenweise etwas staatsmännisch bleibt. Aber definitiv lesenswert für alle, die verstehen wollen, warum Weltpolitik manchmal klingt wie trockene Aktenlage, sich aber anfühlt wie ein Pulverfass im Wohnzimmer.



