Geschichte einer Entfremdung
Vor einem erleuchteten Fenster in Groningen, Holland, steht eine Frau und betrachtet ihre Tochter und deren Töchter. Seit Jahren hat sie Lea nicht mehr gesehen, die Enkelkinder noch nie. Doch statt zu klingeln, wendet sich die Frau ab und geht, fliegt zurück in ihre tausende Kilometer entfernte Heimat … So beginnt dieser intensive, fast berichtsmäßige Roman in dem eine Frau, Joela, von der Entfremdung zu ihrer Tochter erzählt, die ihr bis zuletzt nicht wirklich erklärbar bleibt. Für die Leserinnen, vor allem diejenigen, die in einem ähnlich schwierigen Mutter-Tochter-Konstrukt stecken, allerdings schon. Denn während Joela rechtfertigt ohne wirklich zu reflektieren, lief mir manchmal ein kalter Schauer über den Rücken. Lea ist eines dieser Kinder, das offensichtlich ein ‚gutes‘ Elternhaus hatte. Beide Akademiker, der Vater deutlich älter, wird das über alles geliebte Kind für die Mutter schnell zum Lebensinhalt. Selbst allerdings mit einem schwierigen Verhältnis zur eigenen Mutter und mit psychischen Problemen, die zwar therapiert, aber im Grunde doch mehr verdrängt werden. Joela erhebt nie die Hand - sie straft mit Liebesentzug, Schreien, Missbilligung, klein reden der Empfindungen und Meinungen Leas bis hin zu Übergriffigkeiten unfassbaren Ausmaßes. All das beginnt mit subtilen Manipulationen im Kleinkindalter und wächst proportional mit dem Älter werden der Tochter, gepaart mit einem alles erdrückenden Verständnis von ‚Liebe‘ der Mutter. Irgendwann sieht Lea keinen Ausweg mehr und verschwindet für viele Jahre aus dem Leben Joelas … Der Roman war für mich bis zuletzt harter Tobak und vor allem der Schluss ließ mich mit fast unbändiger Wut zurück. Allerdings kann ich mir vorstellen, dass sich die Thematik vermutlich nur Frauen vollständig erschließt, die Leas Situation aus eigenem Erleben kennen, deren Mutter-Tochter-Beziehung ähnliche Komponenten aufweist. Ansonsten geht vermutlich einiges Ungesagte oder nur Angedeutete in Joelas Verhalten verloren oder kann nicht ganz nachvollzogen werden. Wohingegen gerade das Ende für Betroffene nicht unbedingt hilfreich, ja geradezu desillusionierend ist, warum ich auch einen Stern abgezogen habe.



