26. Mai

Ein sehr schönes Buch. 1851, Charlotte, in ihrem 40sten Lebensjahr und unverheiratet, begleitet Bruder, Schwägerin und Nichte auf einer Rheinreise. Sie hat zwanzig Jahre lang einem alten Herrn den Haushalt geführt und von ihm Geld geerbt, so dass sie eigentlich unabhängig wäre. Sie kann sich aber nicht vorstellen, allein zu leben und weiß nicht, wie ihr Leben weitergehen soll. Da wird sie beim Anblick eines Mitreisenden an ihre unerfüllte Jugendliebe erinnert.

Die Rheinreise
Die Rheinreisevon Ann SchleeDuMont Buchverlag
5. Nov.
Bewertung:3

Wiederentdeckung mit Lokalcolorit

Ich hab ja irgendwie ein Herz für Reiseberichte. Die dürfen ruhig der Nachkriegszeit entspringen und einen gewissen Heimatfilm Esprit verbreiten. Moselreise und Berlinreise von Hanns-Josef Ortheil waren für mich tatsächlich Highlights. Da hab ich bei diesem Titel direkt zugegriffen. Eine Rheinreise möchte ich wenn ich 90 bin unbedingt auch noch machen. Wir sind im Jahr 1851 als Charlotte Morrison ihren Bruder Charles, einen protestantischen Gottesmann mit dessen Familie auf einer Reise in ein Deutschland begleitet, welche sich gerade politisch im Umbruch befindet. Die Briten besteigen einen Schaufelraddampfer und schippern von Baden-Baden bis Köln, als Charlotte auf dem Halt in Koblenz einen jungen Mann entdeckt, der ihrem verflossenen Liebhaber sehr ähnlich sieht. Doch Edward Newman hat nur optisch etwas mit der alten Liebe zu tun. Charlotte flüchtet sich trotzdem in Erinnerungen und stellt dem Mitreisenden regelrecht nach. Sie bewegt sich zwischen Traum und Wirklichkeit, was zu einigen Verwicklungen führt. Ihre Schwägerin Marion und die Nichte Elli bieten nebenher die perfekte Unterhaltung. In Köln kommt es dann schlussendlich zum großen Finale. Dieser Roman erschien bereits 1981 und wurde regelrecht wieder entdeckt. Die Autorin hat die Sprache des 19. Jahrhunderts perfekt imitiert und gibt ein authentisches Bild der viktorianischen Gesellschaft mit all ihren Konventionen wieder. Besonders das Miteinander von Mann und Frau zeigt, wie eng das Korsett der Umgangsregeln geschnürt war. Schlees Ausdrucksweise war nicht immer leicht zugänglich. Ich fühlte mich vom Text mehrfach herausgefordert, weil er trotz der linearen Erzählform wie zerfasert wirkt. Der Lokalkolorit wurde mir anfangs zu wenig eingearbeitet. Erst ab Bonn war ich so richtig im Rheintal des 19. Jahrhunderts. Und das Köln dann doch so eine exponierte Stelle einnimmt, hat mich natürlich sehr gefreut. Sogar Altenberg hier ganz in meiner Nähe wird einmal erwähnt. Allerdings stand doch mehr die britische Familie mit ihren Unzulänglichkeiten im Mittelpunkt, so dass die Kulisse zwar nettes Beiwerk war, aber nicht eine weitere Protagonistin. Das fand ich zwar ein bisschen schade, ist aber ja nicht schuld der Autorin. Der Plot an sich hat mich nicht besonders gepackt und dass ich das Buch trotzdem relativ zügig bis zum Ende gelesen habe, lag dann doch mehr am Aufenthaltsort, denn am Familiendrama. Das Nachwort von Lauren Groff wiederholte zwar viel aus dem Gelesenen, gibt aber trotzdem Aufschluss über den literarischen Rahmen, und ist somit eine bereichernde Ergänzung Ich empfehle das Buch allen, die sich ebenfalls auf ein kleines Abenteuer mitten in Deutschland in einer anderen Zeit begeben möchten und sich nicht davor scheuen, eine etwas antiquiert wirkende Sprache zu entdecken. Es ist ein gutes Buch für ruhige Stunden unter der Decke, auf dem Sofa, in einem sonnigen Herbst.

Die Rheinreise
Die Rheinreisevon Ann SchleeDuMont Buchverlag
26. Okt.
Bewertung:4

Selbstfindung

Charlotte unternimmt mit der Familie ihres Bruders eine Reise auf dem Rhein.  Um so länger die Reise dauert, um so mehr langweilt diese Charlotte. Dazu kommt,  dass sie immer wieder in Erinnerungen an einen ehemaligen Verehrer zurück fällt, hervorgerufen durch einen Mitreisenenden, der sie an die frühere und unerfüllte Liebe erinnert. Das geht so weit,  dass Charlotte sehr realistisch Träume von ihm hat. Charlotte verändert sich auf dieser Reise und hinterfragt ihr zukünftiges Leben. Ein sehr schönes Buch in einer anspruchsvolle Sprache, die beim Lesen Konzentration erfordert.  Der Schreibstil erinnert an alte Klassiker, was sehr gut zu der Zeit passt in der das Buch spielt.

Die Rheinreise
Die Rheinreisevon Ann SchleeDuMont Buchverlag
14. Okt.
Bewertung:3

Anspruchsvoll & feministisch

Der Roman spielt im Spätsommer 1851 in Deutschland, dabei wird das historische Ambiente sehr stimmungsvoll und authentisch – soweit ich das mit meinen geschichtlichen Grundkenntnissen beurteilen kann – dargestellt. Im Mittelpunkt steht Charlotte, die unverheiratete Schwester von Reverend Charles Morrison, die ihren Bruder und dessen Familie auf einer Reise den Rhein entlang begleitet. Ein Mitreisender erinnert sie an eine Person aus ihrer Vergangenheit und sie wird Zeugin davon, wie sich ihre Nichte Ellie zu einer jungen Dame entwickelt, die erste Verehrer hat – vor allem diese beiden Ereignisse führen dazu, dass Charlotte ihre eigenen Lebensentscheidungen reflektiert und auch über ihre Zukunft nachdenkt. Ihr Innenleben und ihre Charakterentwicklung sind die zentralen Themen des Romans, der dabei durchaus sehr feministisch konzipiert ist, was mich positiv überrascht hat. Dabei fand ich vor allem die Dynamiken in der Beziehung zu ihrer Schwägerin interessant – leider keine weibliche Solidarität. Die Handlung ist eher reduziert, aber das Ende überrascht noch einmal mit einem Plottwist, der mir persönlich sehr gut gefallen hat und dem Buch auch noch einen politischen Anstrich gibt. Der Stil war etwas anspruchsvoller als erwartet und ich brauchte ein bisschen konzentrierte Lesezeit, um in die Geschichte hineinzufinden. Schlussendlich war es aber genau dieser besondere Stil bei dem sich Introspektion, Rückblenden in die Vergangenheit und Traumelemente miteinander vermischen, der für eine ganz besondere Lektüreerfahrung sorgte und der Geschichte Tiefgang und Bedeutung gegeben hat. Ich kann das Buch allen wärmstens empfehlen, die ein historisches Setting schätzen, aber auch bereit dazu sind, sich auf eine Geschichte einzulassen, die mehr aussagt, als auf den ersten Blick zu vermuten ist.

Die Rheinreise
Die Rheinreisevon Ann SchleeDuMont Buchverlag