Meryem, Ende 20, lebt auf den Kanarischen Inseln und arbeitet nach einem erfolgreichen Studium als Praktikantin bei der größten Supermarktkette des Landes. Schlecht bezahlt und mit einer Chefin gestraft, die sie nicht leiden kann, schlägt sie sich völlig überfordert durch den Arbeitsalltag. Dabei verliert sie die Hoffnung auf eine Festanstellung – und auf die Liebe – nie aus den Augen.
Meryem El Mehdatis Debütroman wirft einen originellen Blick auf die Generation der Millennials. Meryems Geschichte lässt einen so schnell nicht mehr los; die Überforderung, die die junge Frau ergriffen hat, wird dabei so greifbar dargestellt, dass man sie fast mit Händen greifen kann – ich persönlich konnte das beim Lesen tatsächlich extrem gut nachempfinden. Ein kleiner Wermutstropfen: Mehdati wechselt häufig zwischen verschiedenen Schreibstilen, was das Lesen mitunter anstrengend macht (ich fand die Fanficiton-Auszügen immer etwas verwirrend) und einen immer wieder aus dem Lesefluss reißt. Obwohl der Stil manchmal wirklich merkwürdig ist, hat das Buch aber eine solche Sogwirkung, dass ich trotzdem immer wieder gerne danach gegriffen habe.
Grundsätzlich ist es ein solider Roman über eine Frau, die sich durch das (Arbeits-)Leben sowie den Alltagsrassismus einer sehr multikulturellen Gesellschaft kämpft. Sie selbst fühlt sich von all dem völlig überrollt, obwohl ihr Umfeld sie als extrem kompetent wahrnimmt. Die Liebesgeschichte bleibt hierbei eher Nebenschauplatz.
✨Rezensionsexemplar✨
Meryem El Mehdati El Alami ist eine marokkostämmige Autorin, die als Baby mit ihrer Familie nach Gran Canaria, 🇪🇸 umgezogen ist. Das ist ihr Debütroman, der uns jetzt in der Übersetzung von Johanna Schwering vorliegt.
✨Zitate
„Supermercados Supersaurio S. L. ist die größte Supermarktkette der Kanaren. Ihr Markenzeichen ist ein himmelblauer Dinosaurier, drei Meter hoch. Er trägt eine weiße Fliege und einen gelben Umhang. Wegen der kanarischen Flagge, versteht sich. Ich hätte ihm noch eine kanarische Dogge links und rechts zur Seite gestellt, um das Bild komplett zu machen, aber gut.“
„Ich heiße Meryem. Das sind zwei Silben. Mér-yem. Das y liest sich wie ein j, aber die meiste Zeit werde ich Mereyem genannt. Oder Mereyn. Ich wurde auch schon Meyren, Mérien, Meriem, Meyrem, Meyrene, Meyreme, Miriam, Marian, Marianne und Meyremem genannt.“
„Da ist jemand bei der Arbeit, der mich irgendwie… schlecht behandelt. Keine Ahnung. Sie ignoriert mich, schließt mich von Sachen aus, guckt mich nicht an, wenn sie mit mir spricht. Als wollte sie mir zu verstehen geben, dass ich nicht willkommen bin.“
✨Inhalt
Mit einem Studium im Gepäck muss unsere Protagonistin Meryem erst mal Praktikum in den Headquarters der Supermarktkette „Supersaurio“ machen. Nicht alle sind Meryem wohlgesonnen…
✨Meinung
Frei nach dem Motto „Humor ist, wenn man trotzdem lacht“ nimmt uns die Autorin mit in ihren Lebensabschnitt nach dem Studium und gibt uns auch immer wieder Einblicke in das Aufwachsen auf den Kanaren.
Strukturell gesehen ist es dort nicht leicht, wider Willen muß man trotzdem lachen, wenn sie z.B. beschreibt, wie sie als Kinder regelmäßig schon auf dem Schulweg, sich übergebenden Touristen begegnet sind. Und das ist nur eine kleine Anekdote von vielen. Und natürlich absolut nicht witzig und untragbar im echten Leben.
Aus ihr bricht auch jede Menge verständlicher Frust raus, besonders wenn es um die Themen Alltagsrassismus und Mobbing am Arbeitsplatz geht. Obwohl sie Spanierin ist, muß sie sich grundsätzlich immer rechtfertigen, wo sie denn eigentlich herkommt. Es scheint für die Leute auch unmöglich zu sein, ihren Namen richtig auszusprechen, geschweige denn aufzuschreiben.
Ich habe viel gelacht, weil das Buch einfach (gerade am Anfang) humorvoll geschrieben ist.
Der Schreibstil ist „schnell“, ich weiß nicht, wie ich es anders beschreiben soll. So wie Spanier sprechen, nachdem man ihnen gesagt hat, dass man „auch Spanisch kann“, genauso ist das Tempo der Geschichte 😅😅. Selbst da wo es sich inhaltlich anfängt zu ziehen, ist das Erzähltempo weiterhin schnell.
Vom Cover her wäre ich nicht auf das Buch aufmerksam geworden. Zum Glück befreie ich mich nach und nach von der „Coverkrankheit“ (eine schlimmere Diagnose ist nur noch die „Farbschnittkrankheit“) und achte bei vielen Büchern nun hauptsächlich auf den Klappentext (Ausnahmen gibt es leider weiterhin). Dieser hat mir SOFORT richtig gut gefallen. Und man merkt schnell, dass Supersaurio einfach der Firmenname des Supermarktes ist und das Buch spielt sich dann auch zum Großteil im dortigen Büro ab.
Also ist das alles stimming und ich hatte eine gute Lesezeit. Gran Canaria als Setting für einen Roman, der nicht New Adult Romance als main Fokus hat (es gibt eine Liebesgeschichte, diese ist aber ein Nebenplot), war wirklich erfrischend.
Meine hauptsächliche Kritik hingegen ist, dass sich die Geschichte zwischendurch doch zieht, insbesondere die „Fandom“ Kapitel und wenn regelmäßig aus der Gegenwart randomly in die Vergangenheit / in andere Situationen abgedriftet wird. Für mein Empfinden waren es einfach zu viele Seiten für den vorliegenden Inhalt, denke gekürzt auf 250 Seiten hätte das Buch bei mir noch besser abgeschnitten.
Der Trade Off zwischen „wichtige und lesenswerte Themen“ und „wie liest sich das Buch“ ist nicht immer einfach.
Macht Euch gern ein eigenes Bild!
3,5/5 ⭐️⭐️⭐️