Man könnte sagen, das erste Drittel habe ich sachlich nüchtern, das zweite angetrunken und im Rausch und das dritte gemütlich auf der Couch gelesen. Ja, so lässt sich die Geschichte wunderbar aufteilen. Dem Einstieg muss man zuallererst eine Chance geben. Die Umstände werden geklärt, Markus erzählt, wie es überhaupt dazu kam, dass er seinem Verleger das Auge ausgestochen hat. Wenn man die ersten Seiten gelesen hat, merkt man: der hat das so oder so irgendwie verdient. Blödes Arschloch. Seltsame, geradezu bedrohliche Dinge geschehen um den Meister des Schreckens herum, der Schreibfluss wird dadurch allerdings nur angekurbelt. Seltsamer Kerl denkt ihr? Dann wartet‘s mal ab. Das war ja noch der sachlich-nüchterne Teil. Der Suffpart war nicht nur von meinem, sondern auch von Markus‘ Alkoholgenuss gekennzeichnet. Wäre ich im Unteren Reich mit lauter orkähnlichen Kreaturen auf einem Schiff, das auf einem Fluss aus Blut dahinschippert, ich würde wohl auch ordentlich einen kippen. Hut ab für die Beschreibungen der Welt und die Tolkienanspielungen, das hat der Vorstellungskraft noch mehr Inspiration geliefert. Hier wird es dann auch zunehmend ekliger, verstörender und auch gefährlich. Jedenfalls für Markus. Betrogen vom einzigen Vertrauten auf diesem Horrortrip ins Zentrum der Welt, muss er Gräuel über sich ergehen lassen und mit ansehen, wie Menschen getötet werden. Ist das noch Realität oder kann das weg? Melpomenus zeigt sein wahres Gesicht und seine Absichten, die hinter dieser ganzen Reise stecken. Der gemütliche Teil spielt wieder in der „normalen“ Welt (was bitte ist schon normal) und man fragt sich langsam, ob Markus‘ Abenteuer nur ein Hirngespinst war, ein fiebriger Komatraum? Es kommt, wie man sich denken könnte, zu diversen eigenartigen Begebenheiten und einem Ende, das irgendwie plausibel klingt. Markus macht eine beachtliche Wandlung durch vom typischen Versager und Alkoholiker zu einem selbstbewussten, optimistischen Schriftsteller, der sich durchsetzen will. Bringt ihm letzten Endes zwar nicht viel, aber ich bin stolz auf ihn. Das Buch besitzt eine autobiografische Note, versucht der Herr Krüger doch verzweifelt, sich ein letztes Mal an seine Leserschaft zu wenden und sich zu erklären. Das bringt ihm vermutlich noch viel weniger, außer dass alle glauben, er hätte endgültig einen an der Waffel und es fehlten ein paar Porzellantassen seiner Exfrau im Schrank. Das erklärt jedoch den Sprachgebrauch und den Wortlaut. Die Geschichte ist einzigartig, und erinnert mich von der Art her ein bisschen an den „Nachtwandler“ von Sebastian Fitzek. Da zweifeln Leser und Charakter letzten Endes auch an sich und der Realität im Buch. Horror-Fantasy ist eine tolle Verschmelzung zweier Genre, die sich gegenseitig ergänzen können, und das ist hier wirklich gut gelungen. Es ist eine Achterbahnfahrt, kombiniert aus ruhigen und aufregenden Stellen, vermischt mit kurzen Erzählungen, die mir sehr gut gefallen haben. Unter der Decke habe ich mich nicht verkrochen, dafür war mir das Buch dann doch zu seicht. ;) Aber seichter Horror ist dafür etwas für jedermann/ jederfrau.
Es gab eine Zeit, in der Horrorautor Markus Krüger als „Meister des Makaberen“ gefeiert wurde – doch diese Zeit scheint längst vorbei zu sein. Mittlerweile quält er sich förmlich durch seine Werke, versucht krampfhaft eine Geschichte fertigzustellen, die ihn selbst nicht begeistert. Dass seine Bücher keinen Gewinn mehr einspielen, sticht selbstverständlich auch dem zugehörigen Verleger ins Auge... Im Laufe der Geschichte sogar buchstäblicher, als man es vielleicht beim ersten Lesen dieser Formulierung denken würde. Doch Markus Krüger wittert eine letzte Chance, der Misere seiner fehlenden Kreativität zu entkommen, als eines Tages plötzlich ein Unbekannter in sein Leben tritt. Ihm wird eine Reise voller Inspiration für sein aktuelles Werk angeboten. Wie wortwörtlich dieses Angebot gemeint ist und welche Orte Markus Krüger auf dieser Reise betreten wird, hätte wohl niemand zu Anfang gedacht. Ich muss zugeben, dass es mir zunächst sehr schwer fiel, in das Buch hereinzukommen. Hagen Thiele nutzt als Autor eine anspruchsvolle und verschachtelte Ausdrucksweise, die es dem Leser nicht ermöglicht, locker-flockig über die Seiten zu fliegen, wie man es ansonsten vielleicht gerne nach einem anstrengenden Tag erlebt. Allerdings glaube ich inzwischen, dass diese Art des Schreibens schlichtweg als allumfassendes Stilmittel gedacht ist, denn zu dem Charakter von Hauptfigur Markus Krüger, aus dessen Feder die Geschichte stammen soll, passt es durchaus. Mir hat es allerdings etwas an Varianz gefehlt, wenn andere Personen gesprochen haben. Weiterhin hat es dann knapp 100 Seiten gedauert, bis sich für mich der Eindruck entwickelte, wirklich im Buch 'angekommen' zu sein. Bei mir setzte dieses Gefühl erst ein, als die eigentliche Reise losging. Eine Reise an einen Ort, so erschreckend, verwirrend und komplex zugleich, dass ich zwischendurch wirklich innegehalten habe und überlegt habe, wie krass es wäre, wenn die Vorstellung der Wahrheit entspräche (eine bessere Beschreibung als 'krass' fällt mir an dieser Stelle tatsächlich nicht ein, Schande über mich). Allein von dem Konstrukt der Welt, die Hagen Thiele geschaffen hat, war ich gewissermaßen angetan. Auch wenn ich selbst definitiv nicht gern an Markus Krügers Stelle gewesen wäre, uff. So viel sei gesagt, da bleibe ich lieber außerhalb der Seiten und beobachtete im Schutz der der Nachttischlampe. Ist aber wohl auch kein Wunder, bei einem Buch aus dem Bereich Horror-Fantasy. Abschließend gebe ich dem Buch hiermit drei funkelnde Sternchen. Auch nach den ersten hundert Seiten habe ich mich während des Lesens leider immer wieder dabei erwischt, wie meine Gedanken abgedriftet sind und somit von der Geschichte wohl nicht direkt gefesselt wurden, was ich nach wie vor sehr schade finde. Zudem wurde ich bis zum Ende mit dem Protagonisten nicht gänzlich warm – was aber ja streng genommen auch gar nicht sein muss. Vermutlich ist das eher eine persönliche Einstellungssache meinerseits. Was mir gut gefallen hat, wie bereits erwähnt, war das Konstrukt der Welt, die Hagen Thiele geschaffen hat, und vor allem die Verbindung von dieser mit der unseren. Zudem finde ich das Cover wirklich gelungen, obwohl ich für gewöhnlich eher ein Fan von farbenfrohen Versionen bin – hier passt die Gestaltung aber schlichtweg wie die Faust aufs Auge.

