1. Juni
Die Schuld unserer Mütter
Bewertung:4

Die Schuld unserer Mütter

Geschichtsprofessorin Trudy forscht zu Frauenleben im Nationalsozialismus. Ein Thema, dass sie auch persönlich berührt, musste sich ihre Mutter Anna doch alleine mit Kind im Weimar des Zweiten Weltkriegs durchschlagen. Doch Anna schweigt eisern über diese Zeit, ein Fakt, der Trudy belastet … Jenna Blum hat sich in ihrem Roman (der im Original den sehr viel passenderen Titel ‚Those Who Save Us‘ trägt) ein ungewöhnliches, aber unglaublich wichtiges Thema vorgenommen. Es geht nicht wie so oft bei solchen Romanen um irgendwelche schnulzigen Liebesgeschichten (wobei natürlich Annas Geschichte in solch einer ihren Anfang hat), sondern um viel Tiefergehendes. Anna kämpft um das nackte Überleben in einem unmenschlichen System und versucht trotzdem lange das Richtige und Gute zu tun. Bis sie vor der Wahl steht, ihres und das Leben ihrer Tochter aufs Spiel zu setzen, oder sich mit dem Bösen zu arrangieren. Dabei zeigt die Autorin sehr intensiv, welchen Preis Anna dafür bezahlt, aber auch, dass sie die Schuld, die sie meint, damit auf sich zu laden, ihr Leben lang begleitet. Dadurch kommt der zweite Themenstrang zustande, der mich gerade im Werk einer amerikanischen Autorin positiv überrascht hat. Es geht um das tiefe Schweigen der Kriegsgeneration und welche Auswirkungen dies auf ihre Kinder hatte (und immer noch hat). Trudy leidet unter schwachen Erinnerungen an ihre ersten Kindheitsjahre, hat Alpträume, in denen sie diese versucht zu verarbeiten. Während andere sich ihr mitteilen, schweigt ihre Mutter beharrlich und die Beziehung ist stark belastet. Das ging bei mir thematisch unglaublich tief, ich überdachte sehr viel das Verhältnis von meiner Mutter zu meiner Großmutter und sah da durchaus Parallelen. Diesen Konflikt finde ich sehr gut herausgearbeitet. Allerdings störten mich am Buch dann doch einige Dinge, unter anderem das Fehlen der Satzzeichen bei der wörtlichen Rede. Ich kann damit durchaus bei experimentellen Texten umgehen, die mit Sprache und Stil zum Beispiel spielen. Aber hier handelt es sich um ein ganz normale stringent erzählte Geschichte und da frage ich mich schon, was das soll? Es macht den ohnehin etwas spröden (aber guten) Stil schwer zu lesen. Das zweite große Manko ist, dass sich Annas Kriegserlebnisse fast ausschließlich um die sexuellen Begegnungen mit dem Obersturmführer drehen. Über Annas Leben wird kaum etwas erzählt, außer es spielt sich im Schlafzimmer ab. Das ist bis zu einem gewissen Grad in Ordnung, sind diese Begegnungen ja der Grund für Annas innere Zerrissenheit. Aber in der Masse ist es einfach eintönig und zu viel - es ist schlicht uninteressant wann in welcher Gemütsverfassung Horst welche Stellung bevorzugt. Für mich war das in dieser Form in einem solchen Buch befremdlich und fehl am Platz. Am Schluss gibt es zudem einen Zufall, der ein etwas versöhnliches Ende herbeiführt. Ich fand ihn leider im Kontext dazu, dass Trudy Geschichtsprofessorin ist, unglaubwürdig. Da hätte man sie das auch anders auflösen lassen können. Trotzdem ist ‚Die uns lieben‘ ein sehr guter Roman mit einem wichtigen Thema, dass nicht vergessen werden sollte. Denn das Schweigen hat seine fatalen Folgen auch noch in den späteren Generationen und Schuld und Scham ziehen sich gerade bei den Frauen dieser Zeit bis heute durch das Leben.

Die uns lieben
Die uns liebenvon Jenna BlumAufbau TB
28. Sept.
Bewertung:4

Die Mittfünzigerin Trudy ist Geschichtsprofessorin in Minneapolis. Nach dem Tod ihres Stiefvaters muss sie sich um ihre Mutter Anna kümmern, die nicht mehr ganz zurechnungsfähig scheint. Im Farmhaus der Eltern findet sie ein altes Foto aus der Zeit, bevor Anna in die USA auswanderte. Darauf: Trudy als kleines Mädchen, ihre junge Mutter und – ein Nazioffizier. Trudys Erinnerung ist dunkel, doch sie hält diesen Mann für ihren Vater. Ihre Mutter verweigert jedes Wort zu ihrer Vergangenheit. Dass sie das Kind eines Nazis ist, hat Trudy ihr Leben lang gequält und sie kann nicht verstehen, wie ihre Mutter sich mit ihm einlassen konnte. Kann sie doch mehr herausfinden? So beginnt Jenna Blums Roman, der inzwischen wohl sogar verfilmt wird. Blum bedient sich einer Erzählstruktur, die sich momentan häufig findet: dem Wechsel zwischen (Fast-)Gegenwart und Vergangenheit. Denn nun geht es per Zeitsprung zurück in die späten Dreißigerjahre, nach Weimar, wo Anna Max, den jüdischen tatsächlichen Vater ihrer Tochter kennenlernt. Es gibt jedoch einen entscheidenden Unterschied zwischen diesem Roman und manchen ähnlichen Werken über den zweiten Weltkrieg: Dieser ist wirklich vielschichtig und tiefgründig und er hat glaubhafte Hauptpersonen. Trudy beschäftigt ihre Vergangenheit unterbewusst viel mehr, als ihr selbst klar ist, und sie ruft ein Forschungsprojekt ins Leben: Sie interviewt Deutsche in ihrer Region, die den Krieg miterlebt haben und später ausgewandert sind. Mit diesem geschickten Handlungselement schafft Jenna Blum es, die Deutschen sowie ihre Schuld oder Unschuld zu beleuchten und – vor allem, denn das ist zentrale Thema des Buchs – ihr Handeln zu Kriegszeiten zu erklären. Gleich das erste Interview ist eine Katastrophe, denn die Gesprächspartnerin beteuert zwar, keine Wahl gehabt zu haben, dass sie im Grunde jedoch selbst antisemitische Ansichten hat und im Gegensatz zu vielen anderen keine Skrupel hatte, jüdische Mitbürger, wenn auch aus Not, zu verraten, ist offensichtlich. Trudy spielt mit dem Gedanken, das Projekt abzubrechen. Doch weitere Interviews zeigen andere Seiten, wie auch die Geschichte ihrer Mutter Anna, die ein Paradebeispiel für die Interviewreihe wäre, jedoch beharrlich schweigt. Ein gelungenes Buch, das einen wichtigen Beitrag zur Diskussion um die Schuld der Deutschen leistet. Es hat ein paar Längen, etwa die kleine eingebaute Liebesgeschichte, die eigentlich überflüssig ist. Andererseits ist es doch schön, dass es auch mal eine nicht mehr junge Protagonistin gibt und auch dieser eine Liebesgeschichte zugestanden wird. Ich bin gespannt auf die Verfilmung! Zum Hörbuch: Suzanne Toren hatte mich schon als Sprecherin bei “The Romance Reader” von Pearl Abraham überzeugt. Nicht nur kriegt sie die Aussprache der vielen deutschen Wörter gut hin, sie lebt dieses Buch! Wenn sie die kindliche Trudy spricht, nervt es geradezu und wirkt richtig lebensecht, so sehr versetzt sie sich in das Kind hinein. Eine sehr gute Hörbuchsprecherin!

Die uns lieben
Die uns liebenvon Jenna BlumAufbau TB