
Die Schuld unserer Mütter
Geschichtsprofessorin Trudy forscht zu Frauenleben im Nationalsozialismus. Ein Thema, dass sie auch persönlich berührt, musste sich ihre Mutter Anna doch alleine mit Kind im Weimar des Zweiten Weltkriegs durchschlagen. Doch Anna schweigt eisern über diese Zeit, ein Fakt, der Trudy belastet … Jenna Blum hat sich in ihrem Roman (der im Original den sehr viel passenderen Titel ‚Those Who Save Us‘ trägt) ein ungewöhnliches, aber unglaublich wichtiges Thema vorgenommen. Es geht nicht wie so oft bei solchen Romanen um irgendwelche schnulzigen Liebesgeschichten (wobei natürlich Annas Geschichte in solch einer ihren Anfang hat), sondern um viel Tiefergehendes. Anna kämpft um das nackte Überleben in einem unmenschlichen System und versucht trotzdem lange das Richtige und Gute zu tun. Bis sie vor der Wahl steht, ihres und das Leben ihrer Tochter aufs Spiel zu setzen, oder sich mit dem Bösen zu arrangieren. Dabei zeigt die Autorin sehr intensiv, welchen Preis Anna dafür bezahlt, aber auch, dass sie die Schuld, die sie meint, damit auf sich zu laden, ihr Leben lang begleitet. Dadurch kommt der zweite Themenstrang zustande, der mich gerade im Werk einer amerikanischen Autorin positiv überrascht hat. Es geht um das tiefe Schweigen der Kriegsgeneration und welche Auswirkungen dies auf ihre Kinder hatte (und immer noch hat). Trudy leidet unter schwachen Erinnerungen an ihre ersten Kindheitsjahre, hat Alpträume, in denen sie diese versucht zu verarbeiten. Während andere sich ihr mitteilen, schweigt ihre Mutter beharrlich und die Beziehung ist stark belastet. Das ging bei mir thematisch unglaublich tief, ich überdachte sehr viel das Verhältnis von meiner Mutter zu meiner Großmutter und sah da durchaus Parallelen. Diesen Konflikt finde ich sehr gut herausgearbeitet. Allerdings störten mich am Buch dann doch einige Dinge, unter anderem das Fehlen der Satzzeichen bei der wörtlichen Rede. Ich kann damit durchaus bei experimentellen Texten umgehen, die mit Sprache und Stil zum Beispiel spielen. Aber hier handelt es sich um ein ganz normale stringent erzählte Geschichte und da frage ich mich schon, was das soll? Es macht den ohnehin etwas spröden (aber guten) Stil schwer zu lesen. Das zweite große Manko ist, dass sich Annas Kriegserlebnisse fast ausschließlich um die sexuellen Begegnungen mit dem Obersturmführer drehen. Über Annas Leben wird kaum etwas erzählt, außer es spielt sich im Schlafzimmer ab. Das ist bis zu einem gewissen Grad in Ordnung, sind diese Begegnungen ja der Grund für Annas innere Zerrissenheit. Aber in der Masse ist es einfach eintönig und zu viel - es ist schlicht uninteressant wann in welcher Gemütsverfassung Horst welche Stellung bevorzugt. Für mich war das in dieser Form in einem solchen Buch befremdlich und fehl am Platz. Am Schluss gibt es zudem einen Zufall, der ein etwas versöhnliches Ende herbeiführt. Ich fand ihn leider im Kontext dazu, dass Trudy Geschichtsprofessorin ist, unglaubwürdig. Da hätte man sie das auch anders auflösen lassen können. Trotzdem ist ‚Die uns lieben‘ ein sehr guter Roman mit einem wichtigen Thema, dass nicht vergessen werden sollte. Denn das Schweigen hat seine fatalen Folgen auch noch in den späteren Generationen und Schuld und Scham ziehen sich gerade bei den Frauen dieser Zeit bis heute durch das Leben.

