„Kafkaesk“ im wahrsten Sinne 🗞️🕰️👁️
[Spoiler folgen] Das Urteil - geschrieben angeblich in nur einer einzigen Nacht vom 22. auf den 23. September 1912 - war mein erster kleiner Ausflug in Franz Kafkas absurde Gedankenwelt. Und oh boy, was für ein Ritt… Mein erster Gedanke nach dem Beenden dieser Novelle: Ich habe Fragen, Herr Kafka. Einige sogar. Irgendwie fängt es ja ganz harmlos an. Ein in der Kürze der Seiten kaum greifbarer Protagonist beschließt einem kryptischen in Russland lebenden Brieffreund von seiner Verlobung zu erzählen. Mit sich hadernd, weil das Leben seines Freundes nicht so erfolgreich verläuft wie sein eigenes, geht er zum Vater, um seinen Rat einzuholen. Soweit so langweilig. Der Sohn wirkt absolut gefestigt, als er das Zimmer des Vaters betritt. Er scheint die Oberhand gegenüber seinem alten Vater zu haben. Doch je länger das Gespräch andauert, desto mehr wendet sich das Blatt. Der Vater entwickelt sich innerhalb weniger Sätze sprunghaft von einer normalen Figur, zu einem wirren, dement wirkenden alten Mann, um sich kurz danach zuerst in eine beunruhigende und schließlich in eine regelrecht bedrohliche Figur zu verwandeln. Es hagelt Vorwürfe über dieses und jenes und darüber, dass der russische Brieffreund angeblich gar nicht existieren würde. Der Vater wirkt paranoid. Der Sohn weicht zunächst eher verlegen der Fragerei aus, bittet den offensichtlich fantasierenden Vater, sich hinzulegen, woraufhin dieser vollkommen ausrastet. Nein, der Freund existiere auf jeden Fall und er kenne ihn sogar viel besser als sein Sohn. Er sei wie ein zweiter Sohn für ihn. Und er hat diesem Freund selbst Briefe geschrieben und weiß genau Bescheid über das Leben seines Sohnes und der Freund weiß auch genau Bescheid und irgendwie scheint der Sohn unter dem wachsenden Wahn des Vaters immer weiter zu schrumpfen. Er sei kein guter Freund. Kein guter Sohn. Kein guter Geschäftsmann. Obwohl sich der Vater ständig widerspricht. Mal existiert der Freund nicht. Dann existiert er doch. Mal ist der Vater hilflos. Dann allmächtig. Er braucht den Sohn nicht. Dann wird er von ihm im Stich gelassen. Normalerweise würden solche Widersprüche dazu führen, dass eine Figur immer unglaubwürdiger wird. Bei Kafka passiert aber das Gegenteil. Je widersprüchlicher der Vater wird, desto mächtiger wird er. Vollkommen unlogisch. Es driftet immer weiter in die Absurdität ab. Kafka fängt regelrecht an, die Wirklichkeit zu zerlegen. Auf einmal wirkt das ganze nicht mehr wie eine Alltagsszene, sondern wie ein Albtraum, in dem sich Schuldgefühle, Ängste und Hilflosigkeit des Sohnes gegenüber dem einschüchternden Vater wild und unlogisch (obwohl vom Autor sorgfältig konstruiert) miteinander vermischen. Komischerweise relativiert der Sohn ab diesem Punkt nicht länger das Verhalten des Vaters. Es verfestigt sich, dass er entweder tatsächlich etwas zu verbergen hat oder aber der Vater lügt/ ist einfach wahnsinnig geworden. Es ist verwirrend, aber irgendwie muss man einfach weiterlesen und diese Hirnrissigkeit akzeptieren. Go with the flow oder so. Ich finde es auch interessant, dass der Sohn zwischendrin den Gedanken hat, sein Vater wäre immer noch ein Riese. Ganz am Anfang schon, bevor der Vater so aufbraust. Auch die Szene, in der der Sohn auf den kränklichen Vater zugeht und sich vor ihm hinkniet. Der Vater hat den Kopf nach vorn fallen lassen und erst als Georg sich hinkniet und zu ihm hochschaut, sieht er, dass der Vater ihn längst mit „den Pupillen übergroß in den Winkeln der Augen“ anstarrt. Seine anfängliche Selbstsicherheit und kümmernde Haltung verfliegt. Stattdessen kocht ein altes Gefühl hoch. Irgendwo in ihm steckt noch das Bild des übermächtigen, großen Vaters. Und er hat so ein ungutes Gefühl, als er den Vater zum Bett trägt und bemerkt, dass dieser mit seiner Uhrkette spielt. Warum ist das so schrecklich für ihn? Wegen der körperlichen Nähe? Das ist interessant. Je genauer man liest, desto mehr Details fallen auf, die einfach ultra komisch sind. Dafür, dass es so kurz ist. Jetzt checke ich zumindest, was der Begriff „kafkaesk“ zu meinen hat. Ich habe nicht damit gerechnet, dass es so ins Surreale und Unheimliche entgleist. Bei Kafka hat diese Widersprüchlichkeit und Absurdität nichts Amüsantes, sondern etwas Bedrohliches. Solide (Alb-)Traumlogik. Sämtliche Fragen bleiben nach dem abrupten Ende unbeantwortet zurück. Hier abschließend ein kleines Sortiment meiner Verwirrung: Spielt das Ganze nur im Unterbewusstsein des Sohnes? Oder holt Kafka diese düstere Welt in seinem Werk in die Realität? Wer hat Recht, der Vater oder der Sohn? Und existiert dieser namenlose Freund in Russland jetzt wirklich oder nicht? Was hat der überhaupt mit dem Vater-Sohn-Konflikt zu tun? Vermischt sich das Schuldgefühl, nicht ehrlich zu seinem Freund gewesen zu sein, im Traum nahtlos mit den Schuldgefühlen gegenüber dem Vater, obwohl es faktisch nichts miteinander zu tun hat? Oder kennt der Vater diesen Freund tatsächlich, weshalb der Sohn massives overthinking betreibt und wegen seiner Selbstzweifel denkt, der Vater würde seinen Freund lieber mögen als ihn? Warum bringt sich der Sohn am Ende (vermeintlich) um, wo er doch eine Verlobte hat und zu Beginn eigentlich ganz happy mit sich und der Welt wirkt? Besitzt der Vater (im Traum?) eine Art metaphysische Macht über den Sohn, mit der er ihn zwingt, sein finales Urteil „Ich verurteile dich jetzt zum Tode des Ertrinkens!“ gegen seinen Willen auszuführen? Steht diese Macht symbolisch für das (gescheiterte?) Ausbrechen aus der elterlichen Autorität und Kontrolle im Erwachsenenalter? Wie viel von Kafkas eigener konfliktbehafteter Beziehung zu seinem Vater Hermann Kafka steckt da drin? Ich hoffe NICHT ALLZU VIEL, Franz… Mein Fazit in einem Satz: That escalated quickly. Ich habe fertig.






















