Großartiges Buch. Normalerweise habe ich es ja lieber etwas ausführlicher, aber hier passt der kurze, knappe Schreibstil sehr gut und alles wichtige wird gesagt. Einfach wow.
ganz ganz ganz fantastisch, danke mae 💗

[Werbung | unbezahltes Rezensionsexemplar] Maë Schwinghammer erzählt in diesem Roman vom Aufwachsen zwischen Identitäten, Sprachen und gesellschaftlichen Erwartungen. Das Buch begleitet ein Kind, das lange keine Worte findet und später lernt, sie für sich selbst zu nutzen. Sprache wird hier nicht nur zum Ausdrucksmittel, sondern auch zur Möglichkeit, sich gegen Zuschreibungen zu behaupten und die eigene Geschichte neu zu erzählen. „Alles dazwischen, darüber hinaus“ verknüpft Themen wie Klassismus, Queerness, Ableismus und Herkunft auf eine beeindruckend stimmige Weise. Es geht um das Aufbrechen von Grenzen, um das Suchen und Finden einer eigenen Selbstbezeichnung – und darum, wie sehr Sprache dabei helfen (oder im Weg stehen) kann. Besonders gelungen finde ich, dass Schwinghammer gesellschaftliche Fragen verhandelt, ohne theoretisch zu wirken. Die kurzen Kapitel und die klare, oft poetische Sprache machen das Buch zugänglich, auch wenn es inhaltlich vielschichtig ist. Mich hat der Roman berührt, gerade weil er ruhig bleibt, wo andere laut werden. Er zeigt, wie es sich anfühlen kann, wenn man nicht in die üblichen Kategorien passt und macht sichtbar, was es bedeutet, sich dazwischen zu bewegen. Ein eindrückliches, mutiges Debüt, das wichtige Themen verhandelt, ohne belehrend zu wirken.

Traurigschöne Reise zu sich selbst “Mit jedem Foto, jeder Erinnerung, jeder Urkunde und Anekdote, die ich übereinanderlege, wirkt das Gesamtbild kongruenter, ich sehe nicht mehr verschwommen. Ich sehe eine Version der Geschichte vor mir, ich erzähle sie, und was erzählbar ist, erzählbar wird, ist weniger furchteinflößend.” (S. 213) Autofiktionale Literatur von Transmenschen und/oder nicht binären Personen zu lesen, ist etwas ganz Besonderes. Für die, die selbst trans und/oder nicht binär sind, sind diese Texte die Möglichkeit, sich mit einem ähnlichen Schicksal zu identifizieren, sich verstanden und durch die Worte anderer geborgen zu fühlen. Für Cis-Menschen sind sie aber nicht weniger wertvoll. Auch wir, die wir uns - mehr oder weniger - mit unserem Geburtsgeschlecht identifizieren, können von ihnen profitieren. Es ist unglaublich, welch erzählerisches Potenzial in Geschichten über Menschen steckt, die nicht der binären Norm entsprechen. Deswegen lese ich sie so gerne. Wir lernen durch solche Texte besser zu verstehen, dass es eben mehr gibt als “er” und “sie” und die Welt alles andere als schwarzweiß ist. Die Welt ist bunt und das vermittelt uns auch Maë Schwinghammer (they/sie/ihr/keine) in deren (ich entschuldige mich, wenn ich das mit den Pronomen noch nicht zu hundertprozentig hinbekomme) Debütroman. Mit “Alles dazwischen, darüber hinaus” erzählt Schwinghammer die eigene Lebensgeschichte autofiktional auf sehr eindringliche, oft humorvolle, manchmal traurige und immer erfrischend “andere” Weise. Das Buch ist eine Aneinanderreihung von autobiographischen Skizzen und kurzen Szenen aus dem Leben eines grenzgängerischen Menschen. Schwinghammer hangelt sich an der eigenen Biografie entlang, bis zu dem Punkt, an dem they eine Selbstbezeichnung gefunden hat: Maë. Die Welt ist zunächst ein unzugängliches Chaos aus Worten und Zeichen für den 5-jährigen Michael aus Wien-Simmerung, der sich nicht wirklich zurechtfinden kann in dem System, das ihm die Erwachsenen auf dem Silbertablett präsentieren und in das “er” sich gefälligst einfügen soll. Auch wenn die Eltern meist verständnisvoll sind und versuchen, sich mit ihrem Kind auseinandersetzen, fühlt sich dieses unverstanden und fehl am Platz. Mobbing und das immer neue Benennen mit immer anderen Namen machen Michael, wie they ursprünglich hieß, zu schaffen. Wir erleben, wie aus dem Kind ein Jugendlicher wird, der sehr gut in der Schule ist und schließlich ein Erwachsener, der studiert, obwohl die Familie der Arbeiterklasse entstammt. Die Auseinandersetzung mit der eigenen, fluiden Sexualität ist ein Experiment, an dem für Schwinghammer 2019 die Erkenntnis steht: nicht binär. Eine Bezeichnung, die relativ neu in den Sprachgebrauch gekommen ist und für so viele den absoluten Befreiungsschlag bedeutet. Mich hat die Lektüre sehr berührt und obwohl ich 11 Jahre älter bin als Maë, konnte ich viele “Millienial-Struggles” und Versatzstücke der Generation Y wiedererkennen (peinlicher CD-Kauf bei den Elektro-Läden, die immer einen Weltall-Namen haben, Gameboy, negative Erfahrungen im Skilager, etc. pp.). Maë Schwinghammer schafft es, mit einer schnörkellosen, zugänglichen Sprache eine Tiefe in der Bedeutung zu erzeugen, die mir sehr gefallen hat. Trotz aller Ernsthaftigkeit musste ich immer wieder schmunzeln über die authentischen Situationen, die hier beschrieben werden. Manchmal hat mich die Lektüre etwas an “Ein schönes Ausländerkind” von Toxische Pommes erinnert. Denn auch die Hauptfigur in “Alles dazwischen, darüber hinaus” ist Österreicher*in mit Migrationshintergrund, in diesem Fall einem serbischen. Fast schon tragikomisch fand ich die Figur des Vaters, der sich immer wieder in die Welt des Verkaufs zurückkämpfen will, und auch die Mutter hat eine berührende Geschichte. “Alles dazwischen, darüber hinaus” ist ein versöhnliches Buch und eine schöne Geschichte. Nicht nur weil sie beschreibt, dass und wie ein Mensch sich selbst gefunden hat, sondern auch weil sie Zeugnis abliefert davon, dass es auch anders geht. Dass familiärer Rückhalt und echte Freund:innenschaft existieren - auch für nicht binäre Menschen und auch jenseits eines bildungsbürgerlichen Elternhauses. Absolut toll und mit übertriebenem Weihnachtsgeschenkpotenzial (man beachte auch die sehr schöne, hochwertige Buchgestaltung) - für alle.



