Ein Vater, mehr Intellektueller als Abenteurer, will mit seinem neunjährigen Sohn [b:Die Reise des Elefanten|8523196|Die Reise des Elefanten|José Saramago|https://i.gr-assets.com/images/S/compressed.photo.goodreads.com/books/1331469572l/8523196._SY75_.jpg|5745551] aus dem 16. Jahrhundert in umgekehrter Richtung über die Alpen vornehmen. Was sich zu Beginn wie ein normaler Roadtrip liest, wird im Verlauf dieser Novelle immer surrealer. Und spätestens nachdem der Junge auf der Reise verschwindet, merkt man, dass hier nichts ist, wie es scheint. Die Ich-Erzählweise in Tagebuchform ist sehr egozentrisch. Man fragt sich, was mit diesem selbstverliebten Vater nicht stimmt. Doch was am Ende über das Leben gesagt wird, gilt auch für das Buch: man darf die Geschichte erst beurteilen, wenn man das Ziel, also den letzten Satz erreicht hat: „[…] dass das Verstehen der Reise immer erst am Ende einsetzen kann, wenn das Ziel erreicht ist. Früher glaubte ich an Erinnerung und wie sie mich begleiten müsse, jetzt kommt es mir rätselhaft vor, wie vorsichtig und behutsam mit ihr umzugehen ich mir vorgenommen hatte, als ich von der Bewahrung der Momente geträumt hatte. Also habe ich alles falsch gemacht, als ich irgendwann – sicher aber viel zu oft – die Zeit anzuhalten versuchte? Mir war diese albtraumhafte Reise teilweise zu viel. Im Grunde hätte mir auch eine Kurzgeschichte gereicht, um den Effekt beim Lesen zu erzielen. Aber womöglich war ich auch nur zu sehr auf die Handlung fixiert. Wie von mir erhofft, löst das letzte Kapitel alle Fragen auf. Ich fand den Schluss sogar so gut, dass ich meine Bewertung doch auf 4 Sterne erhöhte. Vielleicht muss man eine gewisse Lebenserfahrung mitbringen, um die Symbolik in der Erzählung in dieser Form nachempfinden zu können. Ich war dafür sehr empfänglich, so sehr, dass ich das letzte Kapitel sogar dreimal hintereinander las. Neige ich auch dazu, die Zeit anhalten zu wollen? Gehe ich gnädig mit meinem Elefanten um? Bin ich nicht auch wie der Vater, der das Gefühl hat, oft die falschen Entscheidung im Leben getroffen zu haben und wäre es nicht jetzt endlich Zeit, der eigenen Reise eine neue Richtung zu geben? Ich will nicht zu viel verraten, denn man muss das Buch unvoreingenommen lesen. Auf jeden Fall eine überraschende Lektüre, die mich am Ende nachdenklicher zurückließ, als ich das über weite Strecken der Geschichte für möglich hielt. Ich kann verstehen, warum die Jury dieses Buch auf die Longlist des Deutschen Buchpreises 2021 setzte. Bislang für mich sogar das beeindruckendste Buch der Liste.
Ein Vater, mehr Intellektueller als Abenteurer, will mit seinem neunjährigen Sohn [b:Die Reise des Elefanten|8523196|Die Reise des Elefanten|José Saramago|https://i.gr-assets.com/images/S/compressed.photo.goodreads.com/books/1331469572l/8523196._SY75_.jpg|5745551] aus dem 16. Jahrhundert in umgekehrter Richtung über die Alpen vornehmen. Was sich zu Beginn wie ein normaler Roadtrip liest, wird im Verlauf dieser Novelle immer surrealer. Und spätestens nachdem der Junge auf der Reise verschwindet, merkt man, dass hier nichts ist, wie es scheint. Die Ich-Erzählweise in Tagebuchform ist sehr egozentrisch. Man fragt sich, was mit diesem selbstverliebten Vater nicht stimmt. Doch was am Ende über das Leben gesagt wird, gilt auch für das Buch: man darf die Geschichte erst beurteilen, wenn man das Ziel, also den letzten Satz erreicht hat: „[…] dass das Verstehen der Reise immer erst am Ende einsetzen kann, wenn das Ziel erreicht ist. Früher glaubte ich an Erinnerung und wie sie mich begleiten müsse, jetzt kommt es mir rätselhaft vor, wie vorsichtig und behutsam mit ihr umzugehen ich mir vorgenommen hatte, als ich von der Bewahrung der Momente geträumt hatte. Also habe ich alles falsch gemacht, als ich irgendwann – sicher aber viel zu oft – die Zeit anzuhalten versuchte? Mir war diese albtraumhafte Reise teilweise zu viel. Im Grunde hätte mir auch eine Kurzgeschichte gereicht, um den Effekt beim Lesen zu erzielen. Aber womöglich war ich auch nur zu sehr auf die Handlung fixiert. Wie von mir erhofft, löst das letzte Kapitel alle Fragen auf. Ich fand den Schluss sogar so gut, dass ich meine Bewertung doch auf 4 Sterne erhöhte. Vielleicht muss man eine gewisse Lebenserfahrung mitbringen, um die Symbolik in der Erzählung in dieser Form nachempfinden zu können. Ich war dafür sehr empfänglich, so sehr, dass ich das letzte Kapitel sogar dreimal hintereinander las. Neige ich auch dazu, die Zeit anhalten zu wollen? Gehe ich gnädig mit meinem Elefanten um? Bin ich nicht auch wie der Vater, der das Gefühl hat, oft die falschen Entscheidung im Leben getroffen zu haben und wäre es nicht jetzt endlich Zeit, der eigenen Reise eine neue Richtung zu geben? Ich will nicht zu viel verraten, denn man muss das Buch unvoreingenommen lesen. Auf jeden Fall eine überraschende Lektüre, die mich am Ende nachdenklicher zurückließ, als ich das über weite Strecken der Geschichte für möglich hielt. Ich kann verstehen, warum die Jury dieses Buch auf die Longlist des Deutschen Buchpreises 2021 setzte. Bislang für mich sogar das beeindruckendste Buch der Liste.
"Zu den Elefanten" von Peter Karoshi . . Theo macht mit seiner Frau Anna und dem gemeinsamen Sohn Urlaub. Da Anna beruflich den Urlaub unterbrechen muss, beschließen Theo und Moritz eine Wandertour zu unternehmen. Entlang einer Strecke gibt es Hotels, deren Namen sich auf einen Elefanten beziehen,der von Genua startend, bis nach Wien gekommen sein soll. Das Ganze liegt historisch schon sehr weit zurück, umso mehr freuen sich Vater und Sohn auf die detektivische Arbeit, Hotels zu finden, die einen echten Bezug zu dem Thema haben. Doch die Tour gestaltet sich anders als geplant, schon am Salzburger Bahnhof gibt es Probleme, die deutlich machen, dass Theo sich in einigen Situationen überfordert fühlt. Dann verschwindet Moritz in den Bergen und für den Vater beginnt eine seltsame Odyssee. . . Karoshi arbeitet mit starken Bildern und zu Anfang nur zarten Rissen in Realität und Wahrnehmung, die sich aber zu tiefen Kluften ausweiten. Die Bachstelze zu Anfang, die verschwimmenden Dialoge mit Anna, Theos Frau, sowie die plötzlich kippenden Situationen, die die Zeit auf den Kopf zu stellen scheinen, haben mir gut gefallen. Nach anfänglichem Stutzen konnte ich mich mehr und mehr für die Erzählweise öffnen und die Frage, was mit Moritz passiert ist und was überhaupt gerade geschieht hat mich lange in Atem gehalten. Letztlich ist es vielleicht nichts für Jeden, aber wer gerne mit Literatur experimentiert, ist mit der Novelle gut bedient. . . #lesen #dbp21 #bücher #novelle
Peter Karoshis Novelle zählt für mich zu den sehr positiven Überraschungen in diesem Jahr. Skeptisch, ob ich mich wohl wirklich zweihundert Seiten lang für eine Wanderung durch die Alpen und eine Vater-Sohn-Beziehung würde erwärmen können, muss ich klar konstatieren: ja. "Zu den Elefanten" ist ein Text, der tiefgründig reflektierend das Sein und Lebensentscheidungen in den Mittelpunkt rückt, über Identität, Zugehörigkeit und Lebensentwürfe nachdenkt, dabei aber keinesfalls philosophisch abgehoben in unbegreifliche Sphären abwandert, sondern durch seine in der scheinbar in der "Realität" verortete Story sich sehr ansprechend und fesselnd liest. Ich habe mich tatsächlich zu keiner Sekunde gelangweilt und die Fragestellungen, die der Text während des Lesens, aber auch als Gesamtkonstrukt, aufwirft sehr genossen. Gut geschrieben wagt sich die Novelle an die Achillesferse des Menschen: die Erinnerung und den ewigen Wunsch, den Augenblick einzufangen, ihn unvergesslich zu machen und immer wieder traurig daran zu scheitern. Für mich war "Zu den Elefanten" ein sehr bewegendes Leseerlebnis, mit Sicherheit auch, weil ich mich selten so gut mit einem Protagonisten identifizieren konnte, aber ich bin auch davon überzeugt, dass dieser Text nicht unbedingt zu jedem Leser auf die Art spricht, wie es bei mir der Fall war.



