
"Und nun beginnt meine Wanderschaft, die erst mit meinem Leben zu Ende gehen wird."
Jetzt folgt ein bisschen Pathos. Ich kann nicht anders. Es wird lang. Es geht nicht anders. Manche Bücher altern (schlecht). Sie bleiben als Zeitdokumente erhalten, werden respektiert, vielleicht sogar bewundert – aber sie verlieren ihre unmittelbare Kraft. Ihre Sprache wirkt fremd, ihre Themen erscheinen weit entfernt, ihre Wirkung verblasst. Und dann gibt es Bücher wie Frankenstein. Ein Roman, der bereits im Jahr 1818 erschienen ist und dennoch das Kunststück vollbringt, moderner zu wirken als viele Geschichten, die heute geschrieben werden. Ein Werk, das häufig auf sein berühmtes Monster reduziert wird, obwohl es in Wahrheit von etwas viel Größerem handelt: von Verantwortung, Ausgrenzung, Hybris, Einsamkeit, Selbstüberschätzung und der tiefen menschlichen Sehnsucht, gesehen und angenommen zu werden. Ich habe Frankenstein mit fünf Sternen bewertet, und je länger ich über dieses Buch nachdenke, desto sicherer bin ich mir, dass diese Bewertung nicht allein der literarischen Qualität gilt. Sie gilt vor allem der außergewöhnlichen Menschlichkeit, die zwischen den Seiten verborgen liegt. Denn Mary Shelley hat keinen Horrorroman geschrieben. Sie hat einen Roman über menschliche Abgründe geschrieben, der zufällig die Gestalt eines Schauerromans trägt. Was mich von Beginn an beeindruckt hat, ist die enorme geistige Reife dieses Werkes. Man vergisst leicht, dass Mary Shelley noch sehr jung war, als sie diese Geschichte erschuf. Und doch steckt darin eine philosophische Tiefe, die viele moderne Romane nicht einmal ansatzweise erreichen. Victor Frankenstein ist kein klassischer Held. Er ist brillant, ehrgeizig, neugierig und getrieben von dem Wunsch, die Grenzen des Möglichen zu überschreiten. Sein Traum ist nicht Bosheit, sondern Erkenntnis. Er möchte verstehen, was das Leben ausmacht. Er möchte erschaffen statt nur beobachten. Doch genau darin liegt die zeitlose Größe des Romans. Mary Shelley stellt nicht die Frage, ob wir etwas können. Sie stellt die viel wichtigere Frage, ob wir es auch sollten. Und noch wichtiger: Was geschieht, wenn wir etwas erschaffen und uns anschließend unserer Verantwortung entziehen? Diese Frage war im Jahr 1818 revolutionär. Heute wirkt sie beinahe prophetisch. Während des immer wieder Lesens musste ich wiederholend daran denken, wie aktuell dieser Roman geblieben ist. Künstliche Intelligenz, Gentechnik, technologische Revolutionen, wissenschaftliche Grenzüberschreitungen – die Menschheit beschäftigt sich bis heute mit genau denselben Fragen. Nicht die Erfindung selbst ist das Problem. Sondern der Umgang mit ihren Konsequenzen. Deshalb fühlt sich Frankenstein nicht wie ein historischer Roman an. Er fühlt sich wie eine Warnung an, die seit über zweihundert Jahren auf ihre vollständige Beantwortung wartet. Besonders berührt hat mich jedoch die Figur des sogenannten Monsters. Mary Shelley erschafft eine Gestalt, die auf den ersten Blick Furcht auslösen soll, und schafft es gleichzeitig, dass man mit jeder Seite mehr Mitgefühl empfindet. Dieses Wesen kommt nicht böse zur Welt. Es kommt einsam zur Welt. Es wird nicht als Monster geboren. Es wird dazu gemacht. Je mehr ich seine Gedanken, seine Beobachtungen und seine verzweifelte Sehnsucht nach Zugehörigkeit las, desto stärker verschob sich meine Wahrnehmung. Irgendwann hatte ich nicht mehr das Gefühl, ein Monster zu beobachten. Stattdessen beobachtete ich eine Gesellschaft, die entscheidet, wer dazugehören darf und wer nicht. Das eigentliche Grauen entsteht nicht durch Gewalt. Das eigentliche Grauen entsteht durch Ablehnung. Durch Einsamkeit. Durch das Gefühl, unerwünscht zu sein. Mary Shelley beschreibt diesen Prozess mit einer emotionalen Heftigkeit, die mich mehrfach innehalten ließ. Das Wesen lernt Sprache, Mitgefühl, Bildung und Menschlichkeit. Es betrachtet die Menschen zunächst voller Bewunderung. Es möchte verstehen. Es möchte lernen. Es möchte lieben. Doch immer wieder stößt es auf Angst, Ablehnung und Vorurteile. Und genau an dieser Stelle wird Frankenstein von einem "Schauerroman" zu etwas viel Universellerem. Zu einer Geschichte über jeden Menschen, der sich jemals ausgeschlossen gefühlt hat. Über jeden Menschen, der anders war. Über jeden Menschen, der sich gewünscht hat, gesehen zu werden. Je länger ich las, desto mehr stellte sich mir eine unbequeme Frage: Wer ist hier eigentlich das Monster? Das erschaffene Wesen? Oder sein Schöpfer? Oder vielleicht sogar jene Gesellschaft, die nur nach dem Äußeren urteilt? Die Antwort überlässt Mary Shelley ihren Leserinnen und Lesern. Und genau dadurch bleibt der Roman so lange im Gedächtnis. Was mich ebenfalls beeindruckt hat, ist die Atmosphäre des Buches. Shelley schreibt mit einer Bildkraft, die auch heute noch funktioniert. Die eisigen Landschaften, die wilden Naturgewalten, die düsteren Schauplätze und die ständige Melancholie erzeugen eine Stimmung, die weit über klassischen Grusel hinausgeht. Die Natur wird hier beinahe zu einer eigenen Figur. Mal Trostspenderin. Mal Richterin. Mal Spiegel der menschlichen Seele. Besonders die Szenen in den Bergen und den arktischen Regionen besitzen eine beeindruckende Intensität. Sie vermitteln ein Gefühl von Größe und Bedeutungslosigkeit zugleich. Der Mensch erscheint klein gegenüber den Kräften, die er selbst entfesselt hat. Vielleicht liegt darin auch eine weitere Botschaft des Romans: Wir können vieles erschaffen. Aber wir können nicht jede Konsequenz kontrollieren. Je mehr Zeit ich mit diesem Roman verbracht habe, desto stärker wuchs meine Bewunderung für dieses Werk. Viele Bücher begeistern im Moment des Lesens und verblassen anschließend wieder. Frankenstein macht das Gegenteil. Es entfaltet seine volle Wirkung erst im eigenen Nachdenken. Tage später. Wochen später. Monate später. Vielleicht sogar Jahre später. Man beginnt über Verantwortung nachzudenken. Über Schuld. Über Mitgefühl. Über die Art und Weise, wie wir Menschen beurteilen. Über die Folgen unserer Entscheidungen. Und genau das macht große Literatur aus. Sie endet nicht auf der letzten Seite. Sie setzt sich im Leser fort. Für mich ist Frankenstein deshalb weit mehr als ein Klassiker. Es ist ein Roman, der zeigt, wie zeitlos Literatur sein kann. Ein Werk voller Tragik, Intelligenz und emotionaler Tiefe. Eine Geschichte, die gleichzeitig düster und zutiefst menschlich ist. Mary Shelley hat kein Monster erschaffen. Sie hat eine der bewegendsten Studien über Menschlichkeit geschrieben, die ich je gelesen habe. Und vielleicht liegt die größte Ironie dieses Romans darin, dass ausgerechnet die Figur, die von allen gefürchtet wird, uns am meisten über Mitgefühl lehrt. Ein Buch, das nicht nur gelesen werden sollte, sondern gefühlt werden muss. Ein Klassiker, der seinen Ruhm nicht seinem Alter verdankt, sondern seiner außergewöhnlichen Fähigkeit, auch nach über zweihundert Jahren noch mitten ins Herz zu treffen. ♡♡♡ "Warum konnte ich nicht sterben? Elender als ich war nie ein Menschenkind gewesen. Warum ward mir nicht Vergessenheit und Ruhe zu teil? Welche ungeheure Widerstandskraft mußte ich haben, um all das ertragen zu können, mit dem mich das Schicksal bedachte." "Eines der Phänomene, das meine Aufmerksamkeit in besonderem Maße erregte, war der Bau des menschlichen Körpers, überhaupt aller mit Leben begabten Wesen. Woher, fragte ich mich oftmals, kommt das Leben? Es war eine kühne Frage, eine von denen, auf die es keine Antwort gab. Und wie manchen Dingen vermöchten wir nicht auf die Spur zu kommen, wenn nicht Feigheit und Unbesonnenheit die Früchte der Studien wieder vernichtete?" "Warum rühmen wir Menschen uns der größeren Feindfühligkeit gegenüber dem Tiere? Wenn unsere Sinne sich lediglich auf Hunger, Durst und Liebe erstreckten, wären wir nahezu frei; aber so, wie wir jetzt sind, bewegt uns jeder Hauch der Luft, und wir hängen ab von einem zufälligen Wort oder Anblick."



































![《(...) are we bound to prosperity or ruin [?]》](https://social-cdn.read-o.com/images/1771370279366-33.jpg)



























