2. Juni
Ein dunkles Bilderbuch, das unter die Haut geht
Bewertung:4.5

Ein dunkles Bilderbuch, das unter die Haut geht

Manchmal schlägt man ein Buch auf und merkt schon nach wenigen Seiten, dass hier nichts weichgespült wird. Grimm ist so ein Buch. Düster, poetisch, unbequem und gleichzeitig wunderschön auf eine Art, die fast weh tut. Die Geschichte des Wolfs hat mich mehr getroffen, als ich erwartet habe. Dieser Wahn, dieses Klammern an Macht, diese Gier nach Kontrolle, all das fühlt sich nicht nur wie ein Märchen an, sondern wie ein dunkler Spiegel. Kai Lüftners Reime tragen einen durch die Seiten, aber sie wiegen einen nicht in Sicherheit. Sie ziehen tiefer hinein, Schritt für Schritt, bis die Atmosphäre richtig unter die Haut geht. Wiebke Rauers Illustrationen sind dabei keine Begleitung, sondern ein eigener Herzschlag. Intensiv, wild, bedrohlich und voller Ausdruck. Jede Seite wirkt wie ein Bild, das man erst bestaunt und dann noch einmal anschauen muss, weil irgendwo zwischen Schatten und Blicken noch mehr verborgen liegt. Für mich ist Grimm ein Bilderbuch für Erwachsene im besten Sinne. Kein nettes Nebenbei, sondern ein Kunstwerk, das fordert. Es erzählt von Hybris, Kontrollwahn und dem Moment, in dem etwas im Inneren kippt. Schön ist es nicht im klassischen Sinn. Aber stark. Eindringlich. Und lange nachhallend.

Grimm
Grimmvon Kai LüftnerCoppenrath