Tatsächlich mal ein historischer Roman, der, zumindest im späteren Verlauf, nicht nach Schema F abläuft.
Uthlande, 1361. Rungholt bildet das Zentrum der Edomsharde. Auke ist der älteste Sohn eines Großbauern und rebelliert mit Überfällen auf die Steuereintreiber gegen die Abgaben des Dänenkönigs Waldemar. Schon lange fühlt er sich der Tochter des Stallers, Griet, verbunden, was auf Gegenseitigkeit beruht. Durch seine Aktionen macht er sich beim Staller allerdings nicht gerade beliebt. Aukes Bruder Folkert wurde zum Deichbaumeister ausgebildet. Er hat große Befürchtungen, was den Torfabbau zwecks Salzgewinnung in der Region angeht, denn hierdurch senkt das Land sich ab und wird anfälliger für Stürme. Derweil beschließt in Hamburg der junge Kaufmann Wullenwever, dass seine nächste Handelsfahrt nach Rungholt gehen wird. Hendrik Lambertus' historischer Roman rund um die "grote Mandränke", auch Marcellusflut genannt, scheint zunächst einigermaßen vorhersehbar, was nicht nur daran liegt, dass man als Leser*in natürlich weiß, dass die große Sturmflut, die Rungholt und zahlreiche Dörfer in den Uthlanden vernichten wird, kommen wird. Auch die Personenkonstellation ist zunächst einmal ein deutliches Signal dafür, wohin das alles führt. Ich hatte mir von diesem Roman eine detailliertere Schilderung der schrecklichen Sturmflut gewünscht, als ich sie in "Die Glocken von Rungholt" von Anna Katharina Wasle gelesen habe (das soll indes keine Kritik an Wasles Buch sein, das einfach einen anderen Fokus hat), und die habe ich bekommen. Soweit war ich also zufrieden, doch, nanu, nach der Flut war noch ein erheblicher Anteil Buch übrig. Der sich mit den Folgen der Flut beschäftigt, über die ich mir bisher nicht allzu viele Gedanken gemacht hatte. Und das rechne ich dem Autor hoch an, denn die Konsequenzen waren viel weitreichender, als ich das vermutet hätte. Mir gefiel die Richtung, in die das Buch nun ging, für die Figuren, in deren Schicksal ich inzwischen doch einigermaßen "invested" war (Lieblingsfigur: definitiv Folkert), zunächst nicht besonders gut, ich änderte meine Meinung hierzu jedoch, denn im Gegensatz zu den ersten Teilen des Buchs folgt der Autor hier nicht dem Schema F für historische Romane, sondern schildert die harte Realität von Menschen, die alles verloren haben und in dem verzweifelten Versuch, irgendwie zu überleben, auch teilweise sich selbst verlieren. Denn dabei greifen sie auf drastische Maßnahmen zurück, die ich nicht näher benennen will, weil das ein Spoiler wäre, aber ich habe nach der Lektüre etwas recherchiert und, tatsächlich, es gab so einige Menschen, die nach der Sturmflut auf diese Methoden zurückgriffen. Insofern hat mir dieser Roman insgesamt wirklich gut gefallen. Ich kann das Buch also jenen empfehlen, die sich literarisch mit dem Untergang Rungholts und seinen Konsequenzen beschäftigen wollen.






