24. Aug.
Bewertung:5

Der “Tanz auf dem Vulkan” erzählt die Vorgeschichte der haitianischen Revolution zum Ende des 18. Jahrhunderts anhand der persönlichen Geschichte von Minette und den Menschen um sie herum. Minette, eine “affranchie” ist die Tochter einer freigelassenen Sklavin und in Freiheit geboren. Durch ihr besonderes Gesangs- und Bühnentalent schafft sie es als erste nicht-weiße Darstellerin auf die Bühne des Theaterhauses des Pulverfasses Port-au-Prince. Die Protagonist:innen lebten tatsächlich und wie im Nachwort angemerkt sind auch die Lebensgeschichten sowie viele der erzählten Anekdoten im Theater echt und belegt. Marie Vieux-Chauvet gilt als eine der wichtigen Autor:innen Haitis und als eine der ersten Kunstschaffenden Haitis, die die Zeit der Vor-Revolution und darüber hinaus durch eine derart intersektionelle Brille (Hautfarbe, Ethnie, Geschlecht, Sexualität, gesellschaftlicher Stand) beleuchtet. Sie nutzt den Hintergrund der historischen Fakten (und man lernt sehr viel)- tatsächlich stehen im Fokus allerdings einzelne persönliche Erfahrungen. Es geht um die Frauen der Zeit, ihre spezifischen Erlebnisse, individuellen Kämpfe und Lebensrealitäten. Während im Hintergrund die “großen Männer” wie üblich die politischen Gemenge steuern, morden, brandschatzen, vergewaltigen, Dekrete aussprechen, Konkordate brechen und die “Heldentaten” vollbringen, beleuchtet ihr Roman all die Leben mit all den großen und kleinen Momenten und all den so essenziellen Beiträgen der Frauen, all jenes, was in den Geschichtsbüchern und Archiven nicht zu finden ist. Neben diesem Einblick schafft es Vieux-Chauvet auf eindringliche Weise abzubilden, wie heterogen, widersprüchlich und oftmals inkohärent auch die Gruppe der “gens de couleur” (people of colour) zu der Zeit agierte und war: Es gab Sklav:innen, freigelassene Sklav:innen, deren Nachkommen (in Freiheit geboren), wohlhabende people of colour, die selbst Sklav:innen hielten und sich mit den weißen Plantagenbesitzern verbrüderten - gleichzeitig aber nicht die gleichen Rechte wie jene genossen. Es gab Affranchies, die Sklav:innen ausnutzen, um ihre Kriege zu unterstützen und sie nach dem Sieg an “den weißen Mann” verraten. Es gab Affranchies, die ihr freies Leben riskierten, um Sklav:innen zu befreien und zu schützen. Gleichzeitig gab es neben den weißen “Pflanzern” auch mittellose weiße. Es gab auf beiden Seiten jene, die die Unabhängigkeit und jene, die weiterhin zu Frankreich gehören wollten (auch hier wechselten die Beweggründe oftmals im Verlauf der Zeit und waren nicht selten rein opportunistischer, eigennütziger Natur). Dazu kommen natürlich weitere Dimensionen wie Geschlecht, Sexualität und Stand. Vieux-Chauvet erschafft so eine ehrliche und realistische Ambivalenz und malt ein Bild der fatalen Widersprüche und Feindseligkeiten, die noch heute Haiti in ihren Klauen hält. Vieux-Chauvet ist leider bereits gestorben (1973 im Exil in den USA), hinterlassen hat sie der Welt fünf Romane und 2 Theaterstücke, die nun nach und nach ins Deutsche übersetzt werden. Dieses Buch erhielt ich von meiner lieben Mama zu Weihnachten. Es ist etwas ganz besonderes und ich habe sehr viel gelernt und entdeckt. Gerne möchte ich mehr von Vieux-Chauvet und auch zeitgenösserische Literatur aus Haiti lesen. Abseits der inhaltlichen Brillianz gefiel mir sehr, dass das Buch selbst etwas von einem Theaterstück hatte, mit vielen Protagonist:innen und Handlungsorten. Ab und an war es auch geschrieben wie ein Theaterstück mit Regieanweisungen. (“Madame Acquire stürmte herein.”) Das einzige, was meinen Lesefluss teilweise etwas behinderte, war die Verortung der Fußnoten ganz am Ende des Buches. Es gibt knapp 200 Stück, die zusätzliche Informationen zu den Personen und der Zeit zur Verfügung stellen und ich liebe so etwas. Durch die Organisation im Buch war ich dann viel mit vor- und zurück blättern befasst und hätte es lieber gemocht, wenn alle Fußnoten direkt unten in der jeweiligen Seite zu finden wären (wie in Babel z.B.). Eine ABSOLUTE LESEEMPFEHLUNG.

Der Tanz auf dem Vulkan
Der Tanz auf dem Vulkanvon Marie Vieux-ChauvetManesse
1. Dez.
Bewertung:4

Ein Vulkan namens Haiti Die haitianische Schriftstellerin Marie Vieux-Chauvet (1916-1973) konnte mich bereits im letzten Jahr mit ihrem in der Reihe „Mehr Klassikerinnen“ im Manesse Verlag veröffentlichten Debüt-Roman „Töchter Haitis“ begeistern. Jetzt wurde dieser Reihe ein weiterer Roman von ihr hinzugefügt. Wie schon der Vorgänger wurde auch „Der Tanz auf dem Vulkan“ von Nathalie Lemmens aus dem Französischen übersetzt; ebenso gibt es wieder ein sehr lesenswertes, informatives und den Roman in den historischen Kontext und in das Werk Vieux-Chauvet einbindendes Nachwort von Kaiama L. Glover. Soviel zu den nüchternen Fakten *g*. Lassen wir zu Beginn die Autorin selbst zu Wort kommen: „Dieses Buch entstand auf der Grundlage historischen Materials. Die beiden Protagonistinnen und alle weiteren Hauptfiguren haben wirklich gelebt und treten unter ihren tatsächlichen Namen auf. Die wichtigsten Ereignisse in ihrem Leben sowie die geschilderten historischen Begebenheiten entsprechen den Tatsachen.“ (S. 5) Die hier genannten Protagonistinnen sind zwei Schwestern und hören auf die Namen Minette und Lise. Als Töchter einer ehemaligen Sklavin sind sie dem in der französischen Kolonie Haiti vorherrschenden Rassismus gnadenlos ausgesetzt. Und trotzdem schaffen sie dank ihres ungewöhnlich hohen Talents (die Schwestern sind Sängerinnen) Grenzen zu sprengen, die ihnen die Türen zu dem örtlichen Theater in Port-au-Prince öffnen. Das bedeutet jedoch nicht, dass der Rassismus und die Unterdrückung der weißen Besatzer an der Theatertür endet, denn auch hier sind sie der Willkür der Franzosen ausgesetzt, was sich z. B. im nicht ausgezahlten Gehalt etc. widerspiegelt. Doch Minette ist eine Kämpferin und schließt sich einer Untergrundorganisation an, um die Rechte der Schwarzen zu stärken und den Rassismus zu bekämpfen. Zeitlich gesehen hat sich das Ganze also vor der haitianischen Revolution (dem titelgebenden Vulkan) 1802 abgespielt. Marie Vieux-Chauvet führt die Leser:innen teils im Zeitraffer durch Minette`s und das Leben ihrer Familie und Freunde und die Zeit im Theater. Einiges wiederholt sich dabei relativ oft und das (teils) divenhafte Gebahren Minette´s lässt den Leser (mich) mit den Augen rollen. Doch warum sollte die Autorin ihre Heldin nur mit guten Seiten ausstatten? Also liest man drüber hinweg und freut sich mit Minette über ihre Erfolge, nimmt einen kleinen Anteil an ihrem Liebesleben und beobachtet (nicht nur) sie dabei, wie die Lava im Inneren des Vulkans Haiti immer weiter ansteigt und letztendlich ausbricht. Bis zu diesem Punkt der Geschichte brauchen die Leser:innen einen langen Atem und dann geht alles Knall auf Fall. Das ist eine Sache, die mich persönlich etwas an dem Roman gestört hat. Überhaupt merke ich seit geraumer Zeit, dass meine Aufmerksamkeitsspanne bei Romanen jenseits der 300 Seiten nachgelassen hat – das soll potenzielle Leser:innen aber nicht davon abschrecken, diesen mit fast 500 Seiten (inklusive knapp 200 teils sehr ausführlichen Anmerkungen und dem wie oben bereits erwähnten Nachwort) recht umfangreichen mit historisch belegtem Material und hier und da das Privileg der künstlerische Freiheit ausnutzendem Roman die absolut verdiente Chance zu geben, einen Klassiker der (haitianischen) Literatur für sich zu entdecken. Da mir „Töchter Haitis“ im direkten Vergleich etwas besser gefallen hat, vergebe ich hier dieses Mal „nur“ 4* und spreche eine Leseempfehlung aus. ©kingofmusic

Der Tanz auf dem Vulkan
Der Tanz auf dem Vulkanvon Marie Vieux-ChauvetManesse
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