16. Okt.
Bewertung:2.5

Wichtige Themen schlecht vermittelt

Nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis erzählt Ah Hock einer Doktorandin, die seine Geschichte aufschreiben will, in mehreren Interview-Sessions wie es dazu kam, dass er einen Mann umgebracht hat. Anhand von Ach Hocks Leben werden viele wichtige Themen aufgegriffen, wie die Migration chinesischer Fischer in Südostasien im 20. Jahrhundert, Migration und Menschenhandel heute in Malaysia, Auswanderung der malayischen Oberschicht in die USA, strukturelle Armut, Rassismus, Feminismus und LGBTQ-Rechte - um nur ein paar zu nennen. Diese Aufzählung zeigt schon, dass all diese Themen zu viel für eine Geschichte sind, auch wenn diese über 400 Seiten umfasst. Für mich war die Geschichte nicht nur thematisch, sondern auch stilistisch überfrachtet, da Ah Hock sehr ausschweifend erzählt. Wir beginnen in einer Zeit mit einem konkreten Problem und hüpfen dann für mehrere Dutzend Seiten in die Vergangenheit, ehe der Bogen - wenn überhaupt - in die Gegenwart zurückgeschlagen wird. Das nimmt sehr viel Spannung aus der Geschichte und führt teilweise sogar zum Verlust des Fokus, was ich sehr schade fand. Ich empfand die Erzählweise als langatmig und künstlich in die Länge gezogen. Außerdem zeichnet das Buch am Ende keine Horizonte auf, was bei diesen vielen Problemen und ihren Parallelen (Stichwort: die Geschichte wiederholt sich) wünschenswert gewesen wäre. Für mich, die ich mich sehr auf den neuen Roman von Aw gefreut habe, war die Lektüre deshalb sehr enttäuschend. Mehr zum Buch und meinen Kritikpunkten im Lesemonat September auf meinem YouTube Kanal „Japan Connect”. https://youtu.be/K1o_e0M2uys?si=DhcIoW_ztInzHzzs

Wir, die Überlebenden
Wir, die Überlebendenvon Tash AwLuchterhand
8. Juli
Bewertung:2.5

Fatale Bekanntschaften

Wie im Leben eines Menschen eins zum anderen kommt, sodass man am Ende als Mörder verurteilt wird, erzählt Tash Aw in seinem Roman über einen malayischen jungen Mann namens Ah Hock. Dieser hat es nicht wirklich leicht im Leben, kann sich jedoch durch Fleiß und Anstrengung einen sicheren und für ihn zufriedenstellenden Standard aufbauen. Jahre später erzählt Ah Hock dann einer Journalistin seine Geschichte und warum er trotzdem zum „Mörder“ wurde. Obwohl dieser Einblick in den Alltag der malaysischen Bevölkerung sowie Ah Hocks Biographie spannend und auch emotional berührend ist, konnte mich die Konstruktion der Geschichte nicht überzeugen. Zunächst einmal fragte ich mich nach Ende der Lektüre, inwiefern die Betitelung von Ah Hock als „Mörder“ gerechtfertigt ist oder doch eher als Marketinginstrument dient. Denn während man dem Protagonisten folgt, wird schnell klar, wie der Fall tatsächlich einzuordnen wäre. Natürlich ist es durchaus möglich, dass im malayischen Strafrecht andere Entscheidungen getroffen werden - die Herausstellung des Mordes führt den Leser jedoch auf eine falsche Fährte. Gerade, weil Ah Hock eine wirklich sympathische Figur ist, wirkte die bemüht positive Darstellung des gealterten Protagonisten im Gespräch mit der Journalistin überflüssig. Diese Szenen eröffnen weder neue Dimension der Charaktere, noch eine erweiterte Sicht auf die Handlung. Andererseits hätte ich mir teilweise gewünscht, mehr über die Probleme der jungen Frau zu lesen, statt über die Herleitung der Straftat. Weniger Aus- und Abschweifungen sowie eine Fokussierung auf die Missstände im Leben der malayischen Bevölkerung hätten der Geschichte für meinen Lesegeschmack daher sehr gut getan.

Wir, die Überlebenden
Wir, die Überlebendenvon Tash AwLuchterhand