Zart, einzigartig, von Hoffnung durchzogen
Dieser zweigeteilte Roman nimmt den Leser/die Leserin mit auf eine ganz eigene, teils einsame Reise in kalte Landschaften, in die Zukunft, in die Schweiz und ins historische Chicago 1893. Die Aufteilung der Handlung spiegelt sich in der Erzählweise wider. Im ersten Part reist die Protagonistin nach einem Kometeneinschlag durch den Weltraum und landet allein in einer fremden Eiswüste. Die Sprache beleuchtet sehr ruhig und träumerisch die Kälte, die Einsamkeit, die Rückblenden zur Kindheit mit grönländischen Vorfahren und Erlebnissen. Stavarič flechtet viele Begriffe der Inuit-Sprache Inuktitut ein und verleiht Schnee und existenziellen Ängsten eine bereichernde neue Perspektive, die nachvollziehbar und sehr fern zugleich ist.. „Bei den Inuit hieß das Papier titiraakhaq, ‚ein dünnes Eis, das nicht wegschmilzt, weil es sich warm anfühlt‘, eine Formulierung, die keinen weiter verwundern dürfte, wo doch die alten Völker schon vor Jahrtausenden ihre ersten Zeichen ins Eis geritzt und diese allmählich verschriftlicht hatten.“ Der zweite Teil spielt Ende des 19. Jahrhunderts und lässt die neu eingeführten Personen deutlich mehr erleben und interagieren. Die poetischen Feinheiten in der Formulierungen nehmen ab und machen Platz für eine zügige, weniger abstrakte Handlung. Alles in allem ein ganz besonderes, substanzielles Buch, das historische Wurzeln und Aufbruch in eine ungewisse Zukunft formvollendet verknüpft. (Und das hat man auch nicht häufig: Mit einer vom Autor kuratierten niedergeschriebenen Playlist im Anhang für die perfekte musikalische Klammer) „Ich war nicht einfach allein,[…] ich war die letzte, noch zu erzählende Geschichte der Menschheit.“

