Ein Leben zwischen Hof und Bühne
Hätten meine Eltern mich gelassen, wäre ich auf eine Schauspielschule gegangen. Doch sie wollten für ihre Tochter lieber etwas mit mehr Sicherheit und da eine Theaterakademie bezahlt werden muss und mir die Mittel dazu fehlten ist dieser Traum geplatzt. Nach der Lektüre dieses Buches bin ich mir gar nicht so sicher, ob ich traurig darüber sein sollte. Irma wächst in „Zeugland“ auf, einem Bauernhof auf dem Allen alles und Niemandem etwas gehört. Ihre Mutter ist total durchgeknallt. Sie behandelt ihre Tochter, wie das größte Hassobjekt das ihr im Leben begegnet ist. Sie beschimpft sie, macht sie verantwortlich für Dinge, die sie getan und die sie definitiv nicht getan hat. Sie kritisiert ihre Äußerlichkeiten und lässt ungefiltert Mutmaßungen auf das Kind los. Gaslighting, Verwahrlosung und das Erziehungsprinzip „Liebesentzug“ sind hier an der Tagesordnung. Irma reagiert wie Kinder es oft tun, sie fügt sich in ihr Schicksal. Wären da nicht Roland und Bernd, potentielle Väter, so wäre ihre Kindheit sehr lieblos gewesen. So ist sie knapp 15, als die Mutter sie herauskomplimentiert. Irma landet am Theater, sie rutscht da irgendwie so rein. Genauso rutscht sie in eine Wohngemeinschaft mit einem älteren Mann, der ihr Agent wird, sie rutscht in die nächste Beziehung mit einem Regisseur, und sie rutscht in eine Schwangerschaft. Anders kann man das nicht beschreiben – irgendwie ist es irgendwann einfach so. Nur die Freundschaft zu Blanda scheint in ihr Gefühle auszulösen, die tiefer gehen als alles andere. Ihr Leben aber bleibt prekär, sowohl sozial, mental als auch finanziell. Das Theatermilieu ist ein hartes Pflaster. Ich habe das schon immer geahnt. Berufliche Unsicherheit geht einher mit psychischer Labilität. Wer sich auf der Bühne so verausgabt, braucht nach der Show etwas, um runterzukommen oder das Level zu halten. Das zerrt an Geist und Körper. Irma hat mir imponiert, denn obwohl sie sozial extrem abrutschen könnte, schafft sie es irgendwie das Level zu halten. Ausgenutzt und am Rande des Existenzminimums hat sie sich ausreichend Resilienz erhalten, ein Kind auf die Welt zu bringen, zu lieben und dafür sorgen zu wollen. Dass sie dabei manchmal auf bürokratische Hürden stößt, hat mich wirklich wütend gemacht. Wie kann man Menschen nur so alleine lassen! Fassungslos war ich über die Mutter und ich kann nur hoffen, dass diese Geschichte erfunden ist. Ich befürchte aber, dass es ein Vorbild dafür gab. Franziska Hauser hat einen sehr besonderen Erzählstil, der mich in seinen Bann geschlagen hat. Seite um Seite baut sich eine, auf mehreren Ebenen erzählte, Geschichte auf, die besonders ist und mich in eine Welt entführt hat, die mich fasziniert und gleichzeitig abstößt. Es gibt schon Liebe in diesem Buch, aber in letzter Konsequenz wird sie nicht gelebt. Es gab aber auch sehr anrührende Szenen, die mir die Kehle zu geschnürt haben. Die Autorin hat mit ihrem Roman starke Emotionen bei mir hervorgerufen. Ein Buch, das so etwas kann, muss empfohlen werden und so tue ich das, vor allem den Leser*innen, die es auf oder vor die Bühnen der Welt zieht und die auf der Suche nach außergewöhnlichem Lesestoff sind.



