26. Mai
Wenn Familie zur Bühne wird
Bewertung:4

Wenn Familie zur Bühne wird

Manchmal reicht ein Familienurlaub, um Jahre später noch ordentlich Sand im Getriebe zu haben. Die Scheinheiligen klingt erst mal nach Vater-Tochter-Roman, aber da steckt deutlich mehr drin. Familie, Kunst, Erinnerung, verletzter Stolz und diese herrlich unangenehme Frage: Wer darf eigentlich wessen Geschichte erzählen? Sophia verbringt 2010 einen Sommer mit ihrem Vater auf Sizilien. Er ist Schriftsteller, erfolgreich, wortgewandt und offenbar ziemlich verliebt in die eigene Wichtigkeit. Autsch. Zehn Jahre später sitzt genau dieser Vater im Theater und schaut sich das Stück seiner Tochter an. Blöd nur, dass er ziemlich schnell merkt: Moment mal, das bin ja ich. Und zwar nicht gerade in der schmeichelhaften Version. Was mir daran gefällt: Der Roman scheint nicht plump mit dem Finger zu zeigen. Es geht nicht nur darum, wer recht hat und wer danebenlag. Viel spannender ist dieses leise Knirschen zwischen den Perspektiven. Der Vater sieht sich anders, Sophia sieht ihn anders, und irgendwo dazwischen liegt vermutlich die Wahrheit und trinkt genervt einen Espresso. Jo Hamya erzählt das mit Witz, Schärfe und Feingefühl. Nicht alles wirkt nach großer Kuscheldecke, eher nach einem elegant gedeckten Tisch, an dem plötzlich jemand die alten Rechnungen rausholt. Genau das macht den Reiz aus. Für mich ist Die Scheinheiligen ein kluger, leicht bissiger Roman über Familie, Kunst und Vergebung. Kein Buch, das laut schreit, sondern eines, das einem später noch im Kopf herumspukt. Und ja, manchmal sind die scheinheiligsten Menschen eben die, die am schönsten über Wahrheit reden.

Die Scheinheiligen
Die Scheinheiligenvon Jo HamyaKlett-Cotta