11. Juni
Bewertung:5

Dieses Buch erzählt „Eine neue Geschichte der Menschheit“ wie es im Untertitel heißt. Das bedeutet eine Kritik an üblichen Menschheitserzählungen und die Aufstellung einer Alternative. Für jemanden wie mich, der sich für Geschichte interessiert und vor allem die letzten paar tausend Jahre in Eurasien kennt, ist diese neue Geschichte eine große Erweiterung der Perspektive. Ich fand das Buch furchtbar spannend. Der Archäologe Wengrow und Anthropologe Graeber kritisieren in erster Linie eine alte Erzählung, die mittlerweile so selbstverständlich geworden ist, dass sie einschränkt, welche Gesellschaftsformen wir für überhaupt möglich halten. Nach dieser Erzählung waren einst in der tiefen Vergangenheit die Menschen noch frei, sie lebten in kleinen, egalitären, herrschaftsfreien Banden und konnten sich als Jäger und Sammler von den Früchten der Natur ernähren. Doch um die Vorzüge der Zivilisation, der Schrift, der Künste, der Landwirtschaft, des Stadtlebens zu genießen, war es nötig diese ursprüngliche Unschuld aufzugeben und den Schritt zu komplexeren Gesellschaften (und das bedeutet: zu hierarchischen, machtbesetzten Staaten) zu wagen. Ein Naturgesetz der menschlichen Entwicklung besagt nämlich, dass materieller Fortschritt nur mit zunehmender Ungleichheit möglich ist. Das Buch ist eine doppelte Kritik an dieser Erzählung: auf der einen Seite erzählen die Autoren den Hintergrund, wie sie historisch entstanden war, und auf der anderen Seite zeigen sie, wie die archäologischen und anthropologischen Zeugnisse eine ganz andere Geschichte erzählen. Kurz zusammengefasst (und zahlreiche faszinierende Aspekte überspringend) ist diese konventionelle Version der Menschheitsgeschichte der Versuch von europäischen Intellektuellen der Aufklärung gewesen, eine vernichtende Kritik abzuwehren, die indigene, nordamerikanische Denker wie der Wendat-Staatsmann Kondiaronk an den asozialen, repressiven und sklavischen Verhältnissen in absolutistischen Königreichen Europas übten. Demgegenüber mussten europäische Philosophen wie Turgot zeigen, dass die Unannehmlichkeiten in Europa notwendige Folge ihres Fortschritts seien, denn so brauchte man sich mit der indigenen Kritik nicht auseinanderzusetzen: sie wäre bloß das naive Denken eines exotischen und unerreichbaren Urzustand der Unschuld. Die indigene Kritik provozierte konservative Rechtvertigungen der europäischen Gesellschaft wie diese (sie stammt von Turgot), aber auch pessimistische Kritiken wie die von Rousseau. Der Hauptteil des Buches behandelt aber eine Reihe von Gesellschaften, die das Schema der alten Erzählung sprengen. Sie zeigen, dass die frühsten Zeugnisse menschlichen Lebens nicht auf feste Gesellschaftsordnungen hindeuten, sondern auf soziale Experimente und Spielereien, auf saisonale Sprünge zwischen völlig entgegengesetzten Lebensweisen. Sie zeigen, dass die Landwirtschaft keine explosionsartige Revolution war, die uns zur Knechtschaft verdammte, sondern ein langsamer Prozess von 3.000 Jahren im Fruchtbaren Halbmond, der von Erfindergeist und bewussten Entscheidungen gegen Abhängigkeiten geprägt war. Sie zeigen (für mich sehr spannend), dass die Stadt und die zivilisatorischen Errungenschaften der Stadt in Mesopotamien, Mesoamerika, in Ägypten und China der Bildung hierarchischer Staaten vorangeht und nicht etwa auf sie folgt. Und sie zeigen noch viel mehr, was ich jetzt nicht alles aufzählen kann. Alles in allem scheint aber eine Art Erkenntnis dieser Reise durch die Menschheitsgeschichte zu sein, dass wir Menschen keinem einzigen notwendig verlaufendem Entwicklungspfad folgen müssen, dass es hier keine Naturzustände und Naturgesetze gibt, sondern dass wir politische Subjekte sind, die sich vielleicht in den letzten Jahrhunderten festgefahren haben und unsere Freiheiten aus den Augen verloren haben, dass wir aber immer noch freie Menschen sind.

Anfänge
Anfängevon David GraeberKlett-Cotta