Für mich als Nachgeborene trotz Geschichtsinteresse und -wissen nicht immer nachvollziehbar. Die Erzählerin wirkt durchweg kühl und distanziert. Das macht das Lesen streckenweise sehr zäh. Dadurch, dass sämtliche Familienmitglieder namenlos und meist nur mit einem einzigen Attribut von der Protagonistin umschrieben werden, bleiben sie blass und ohne jegliche Identität.
Am meisten irritiert jedoch die Sprache - sie wirkt durch ständige Diffamierung (alle werden auf Äußerlichkeiten reduziert, sämtliche Frauen sind "die Dicke") abschätzig und unreif, stellenweise unangenehm zu lesen.
Marion Brasch war mir bisher als Autorin gänzlich unbekannt. Doch je näher ich mich mit ihr beschäftige, desto spannender wird sie als Person. Besonders ihre Familie hat einen schicksalshafte Weg hinter sich. Davon handelt dieses Buch.
Es ist eine Art Biografie im Roman, geschrieben von der Protagonistin selbst. Marion wächst als Kind einer liebenden und leidenden Mutter und eines DDR Funtionärs der zweiten Reihe auf. Für ihre drei Brüder, ist sie die kleine Schwester, und sie kämpft ständig um Anerkennung. Der Vater hat sehr hohe Ansprüche an seine Kinder, die diese aber nicht bereit sind, zu erfüllen und so kommt es nach dem Tod der Mutter zu einem Verwürfnis mit seinen Söhnen. Diese ziehen bald aus und Marion ist alleine mit dem Papa. Er ist ein ambivalenter Typ. Einerseits ist er aufbrausend und herrisch, will das Leben seiner Kinder bestimmen und scheitert immer wieder. Andererseits lässt er sich nie in die Karten gucken und ist meinem empfinden nach ein sehr einsamer Mensch. Marion dient als Puffer zwischen ihm und ihren Geschwistern. Sie versucht es ihm recht zu machen, aus Mitleid, Angst, aber auch ein großes Stück aus Antriebslosigkeit. Es ist eben leichter, in die Partei, einzutreten und den Werdegang anzustreben , den ihr Vater für sie sieht, als sich in dem autoritären Regime auf rebellische Wege zu begeben zumal sie von ihm auch noch emotional manipuliert wird. Doch sie bricht immer wieder aus, lernt Menschen kennen, die es ihr leicht machen, zumindest erst einmal, hält Kontakt zu ihrem Brüdern, die alle in der Künstler Szene beheimatet sind (Thomas Brasch ist ihr Bruder), und schafft es letztendlich dem Vater ein bisschen was entgegenzusetzen. Als ihr mittlerer Bruder stirbt, verschieben sich noch mal die Parameter.
Alle Brüder sind dem Alkohol und dem Konsum von gewissen Substanzen verfallen, was sie letztendlich töten wird. Dass Marion sich davon fernhalten kann, zumindest was den Überkonsum betrifft, grenzt fast an ein Wunder.
Viele Themen, die uns in der DDR allgegenwärtig erscheinen werden in diesem Buch erzählt: die subtile Rebellion gegen die Funktionäre und ihre Schergen, Ausreiseanträge und ihre Folgen, aber auch die Suche nach der Nische, der Ruhe in der Realität die es einem ermöglicht einfach zu leben. Für Marion nicht so einfach, sie scheint ständig auf der Hut zu sein, ohne es wirklich zu registrieren.
Ganz nebenbei kriegt man sehr anschaulich deutsche Geschichte erzählt, die meine Generation zwar miterlebt hat, die aber immer mehr ins Abseits rückt. Der Wandel zum „geeinten“ Deutschland hat auch in dieser Familie Spuren hinterlassen, und die Ambivalenz der Gefühle wird sehr sichtbar.
Das „nicht wollen“ vieler Bürger in Ostdeutschland, und der wachsende Nationalsozialismus ist ein Erbe einer 40 Jahre währenden Abschattung und der mangelnden Weitsicht, an dem wir heute mehr denn je zu knabbern haben.
Marion Brasch schreibt so packend, dass ich das Buch in einem Rutsch gelesen habe. Stilistisch ist es zwar keine Meisterleistung, denn besonders die Dialoge sind sehr knapp und umgangssprachlich gestaltet. Es ist aber sehr interessant zu lesen, wie am Beispiel einer Familie, Ursache und Wirkung eines wichtigen Teils deutscher Geschichte Gestalt annimmt.
Am nahsten war mir die ICH Erzählerin, Marion. Sowohl die Brüder als auch der Vater blieben mir nur schemenhaft umrissen. Und so wirkt das Buch manchmal etwas gehetzt.
Trotzdem hat es mir gut gefallen und ich möchte eine Empfehlung aussprechen für alle, die sich mit dieser Zeit beschäftigen möchten und dafür gerne einen niedrigschwellige Zugang hätten.
Der autobiografische Roman saugt mich auf, nimmt mich mit und spuckt mich aus, Melancholie, Schmerz, Taubheit bleiben an mir haften, aber auch Gelassenheit, Witz und die Lust aufs Unbestimmte. Ich werde Zeit brauchen, bis ich verstanden habe, was mir da heute beim Lesen passiert ist.
Ich mag Marion Braschs Art eloquent, lebendig, warm und klug zu moderieren, jetzt mag ich auch ihre Art zu schreiben.
Ein gelungener Familienrückblick von Marion Brasch, die heute u.a. bei radioeins arbeitet.
Irgendwie vertraut und doch so fern. Kann das eigene Land so fremd werden?
Marion Brasch erzählt von ihren Eltern und Brüdern, von Zielen und Widersprüchen . Sie erzählt über ein Land das es nicht mehr gibt, welches aber die Familie geprägt und zeitweise gespalten hat.
Marion wächst einem beim Lesen immer mehr ans Herz. Letztlich bleibt tiefes Mitgefühl.
Es ist ein beeindruckender sehr persönlicher Einblick in die Familie Brasch. Toll, dass sie uns diesen in ihrem Debütroman gewährt.
Berührend, die Geschichte des Nesthäkchens Marion Brasch zu lesen, nach dem sie doch für mich eine Heldin aus dem Radio war, damals in der Wendezeit bei Jugendradio DT64 in der noch existierenden, gerade untergehenden DDR.
Erstaunlich (oder soll ich verblüffend schreiben?), wie man beim Lesen an die eigenen Gedanken jener Zeit erinnert wird? Wie ähnlich man doch gefühlt und erlebt hat, obgleich ich nun einen ganz anderen Weg gegangen bin.
Ich hatte meine Heldin aus alten DT64-Tagen ein wenig aus den Augen verloren. Doch man trifft sich immer zweimal im Leben. Auch dieses Mal war es ein Hochgenuss, wenn auch auf einer ganz anderen Welle.