5. Nov.
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Bewertung:4

Was derzeit am anderen Ende des großen Teiches passiert, lässt einem manchmal wirklich den Atem stocken. Dass viele Menschen auf der Welt Amerika befremdlich finden, ist nichts Neues, doch man hat das Gefühl, das Land habe einen weiteren, besonders tiefen Tiefpunkt erreicht. Um die Ursachen besser zu verstehen, habe ich zur Literatur gegriffen. Evan Osnos nimmt uns in seinem Buch mit auf eine Reise durch die amerikanische Geschichte. Von den späten 1920er-Jahren bis zur Amtseinführung Joe Bidens beleuchtet er zahlreiche Facetten des politischen und gesellschaftlichen Lebens in den USA. Osnos, selbst Amerikaner, hat viele Jahre im Ausland gearbeitet und kehrte kurz vor den Anschlägen vom 11. September in seine Heimat zurück. Er kennt also sowohl den Blick von innen als auch den von außen auf sein Land. Anhand der Beispiele Greenwich, Chicago und Clarksburg zeichnet er das Bild einer Nation, deren gesellschaftliche Risse kaum mehr zu kitten scheinen. Von Arbeitslosigkeit über Gentrifizierung und Segregation bis hin zu schier unfassbarer Dekadenz – Osnos deckt alles ab. Er spricht mit Bergarbeitern und Farmern in ländlichen Regionen, die durch schlechte wirtschaftliche Entscheidungen ihre Gesundheit, ihr Land und ihre Würde verloren haben. Er spricht mit Schwarzen Amerikanern, die auch Jahrzehnte nach dem Ende der Sklaverei in nahezu allen Lebensbereichen benachteiligt werden. Sei es in Bildung, Gesundheit, Wohnungsmarkt oder Finanzen. Und er spricht mit Menschen am oberen Ende der sozialen Leiter: Finanzmanagern, Firmenchefs und Politikern, deren Egoismus und Dekadenz er schonungslos offenlegt. Osnos zeigt, wie jahrzehntelanges Streben nach Macht und Kapital einige wenige ins Paradies und den Rest der Nation in den Abgrund geführt hat. Wie Politik und Sozialsystem ausgehöhlt wurden, weil Menschen mit mehr Geld, als gut für sie ist, immer weiter bevorzugt werden. Wir erfahren, wie Arbeitgeber und Hedgefonds während der Wirtschaftskrise die Politik manipulierten, während Arbeitnehmer und Rentner ihre Krankenversicherung verloren. Der Autor macht keinen Hehl daraus, dass er von seinem Land enttäuscht ist und beim Lesen teilt man diese Enttäuschung. Enttäuschung über die Reichen und Mächtigen, über die Politik, und über jene, die Donald Trump noch immer die Treue halten. Gleichzeitig bekommt man ein Gespür für die Gründe seines Erfolgs. Für das Gefühl der Machtlosigkeit, das viele Amerikaner erfasst hat. Und doch bleibt Wut zurück, denn es wird schnell deutlich, wie festgefahren viele in ihren Meinungen sind. Eine Besserung scheint in weiter Ferne. (Wenn ich noch einmal „Dieser böse Sozialismus!“ höre, schreie ich!) Evan Osnos hat mit Mein wütendes Land eine beeindruckende Analyse der modernen amerikanischen Gesellschaft vorgelegt. Wer die USA des 21. Jahrhunderts verstehen will, kommt an diesem Buch nicht vorbei.

Mein wütendes Land
Mein wütendes Landvon Evan OsnosSuhrkamp