26. Juli
Bewertung:4.5

Ein abgeschottetes Land und sein totalitäres System, und das bleibt es auch nach diesem Buch für mich.

In „So etwas wie Glück“ erzählt Joy Ihn On Ock auf eindringliche Weise ihre Geschichte – eine Geschichte, die tief in das abgeschottete und kaum greifbare Nordkorea führt. Die Autorin schildert ihre Kindheit und ihr Erwachsenwerden in einem Land, in dem die Liebe zur Familie mit absolutem Gehorsam gegenüber dem Regime konkurriert. In der ersten Hälfte des Buches begleitet man sie durch ihren Alltag, ihre Gedankenwelt und ihr unerschütterliches Vertrauen in das System, das sie umgibt. Selbst während der verheerenden Hungersnot in den 1990er-Jahren klammert sie sich weiter an die Überzeugung, dass ihre Führer richtig handeln – eine Denkweise, die von außen kaum zu begreifen ist, im Buch aber erschütternd nachvollziehbar wird. Der Wendepunkt ist nicht dramatisch inszeniert, sondern schleicht sich langsam ein: Die Liebe zu ihren Kindern beginnt das zu hinterfragen, was sie nie hinterfragt hatte. Es ist diese Liebe, die sie schließlich antreibt, sich aus den Ketten einer totalitären Ideologie zu lösen – ein Prozess voller Angst, Schuld und innerer Zerrissenheit. --- Persönlicher Eindruck: So etwas wie Glück war das erste Buch, das mich wirklich intensiver mit Nordkorea in Berührung brachte. Zwar hatte ich bereits Dokumentationen gesehen und mich für das Land interessiert – doch nie zuvor war ich so emotional eingebunden. Nordkorea bleibt für mich eines der rätselhaftesten Länder dieser Welt. Und auch dieses Buch hat an diesem Mysterium nichts entzaubern können. Im Gegenteil: Es ist und bleibt für mich unbegreiflich, wie ein Staat sich so vollständig abschotten kann – wie Informationen, Gefühle und Freiheit konsequent unterdrückt und Menschen einer so lückenlosen Gehirnwäsche unterzogen werden können. Besonders erschütternd war für mich, wie überzeugt die Autorin selbst noch lange von ihren Führern war – selbst inmitten von Hunger, Leid und persönlichem Verlust. Doch es ist die Liebe zu ihren Kindern, die sie – wenn man so will – zu ihrem „Glück“ gezwungen hat. Diese Liebe wurde zur treibenden Kraft. Das Buch hat mich tief berührt. Es zeigt, wozu ein Mensch fähig ist, wenn er liebt – und was er zu ertragen bereit ist, um das Richtige zu tun. Es ist nicht nur eine Fluchtgeschichte. Es ist ein Zeugnis der Stärke, der Hoffnung und des schmerzhaften Mutes, den es braucht, um der Hölle zu entkommen.

So etwas wie Glück
So etwas wie Glückvon Choi Yeong OkROWOHLT Taschenbuch