Ein berührendes Dokument über das Grauen von Auschwitz, aber auch, wie wir leben, nach Auschwitz weiterging
Ja, wieder ein Buch über Auschwitz. Wieder ein Buch über das unheimliche Grauen, das dort herrschte. Und doch ist dieses Buch anders. Ich hatte kurz zuvor eine Dokumentation über Auschwitz gesehen, in der Anita Lasker-Wallfisch selbst zu Wort kam. Mit über 90 Jahren sprach sie noch einmal über das, was sie erlebt hatte. Allein das hat mich tief berührt – diese Entschlossenheit, diese ruhige, klare Stimme, die nicht anklagt, sondern erinnert. Und genau dieses Erinnern zieht sich durch ihr Buch. Was dieses Werk für mich so besonders macht, sind die abgedruckten privaten Briefe: Briefe von ihr an ihre Schwester, Briefe der Eltern. Es sind keine nachträglichen Kommentare, keine rückblickenden Erklärungen – es sind Momentaufnahmen. Dokumente, die zeigen, wie langsam, aber unerbittlich die Nationalsozialisten in Polen die Macht an sich rissen. Wie Rechte eingeschränkt wurden. Wie Menschen deportiert, verhaftet, verschwinden gelassen wurden. Schritt für Schritt. Genau so, wie es wirklich geschah. Auch Anita traf dieses Schicksal. Sie kam nach Auschwitz – und überlebte nur durch ein unbegreifliches, bitteres Glück: Sie spielte Cello. Dieses Talent brachte sie in das Mädchenorchester von Auschwitz. Ein Gedanke, der kaum auszuhalten ist – Musik inmitten des Grauens, Kunst als Überlebensbedingung. Es ist schwer, das zu begreifen, und doch beschreibt Anita Lasker-Wallfisch es ohne Pathos, fast nüchtern. Gerade das macht es so erschütternd. Beim Lesen begegnete ich vielen bekannten Namen, vielen Personen, die mir aus anderen Büchern und Berichten vertraut sind. Und wieder stellte sich diese eine, quälende Frage ein: Wie konnte das geschehen? Wie konnten so viele wegsehen, schweigen, mitmachen? Doch dieses Buch erzählt nicht nur vom Wegsehen. Es erzählt auch von Menschen, die geholfen haben. Von kleinen Gesten der Menschlichkeit in einer unmenschlichen Welt. Diese Passagen haben mich besonders getroffen – so sehr, dass mir die Tränen kamen. Gerade weil sie zeigen, dass selbst im tiefsten Grauen Mitgefühl möglich war. „Ihr sollt die Wahrheit erben“ ist mehr als eine Erinnerung. Es ist ein Vermächtnis. Anita Lasker-Wallfisch schreibt dieses Buch nicht, um alte Wunden aufzureißen, sondern um zu verhindern, dass sich das Geschehene wiederholt. Sie möchte, dass das Grauen nicht vergessen wird – weil Vergessen der erste Schritt zur Wiederholung ist. Dem kann ich nur zustimmen. Dieses Buch macht deutlich, wie zerbrechlich Menschlichkeit ist – und wie notwendig Erinnerung. Es darf so etwas niemals wieder geben. Und genau deshalb muss dieses Buch gelesen werden.



