
Eines Tages zieht eine grüne Wolke über die Erde – eine giftige Erscheinung, die alle Erwachsenen tötet. Zurück bleiben nur die Kinder, die sich zunächst verängstigt, dann zunehmend selbstbestimmt durch eine Welt ohne Autorität bewegen. „Die grüne Wolke“ von Alexander Sutherland Neill liest sich wie eine Mischung aus Katastrophenroman, Bildungsutopie und philosophischer Versuchsanordnung. Was bei anderen Endzeitromanen als Dystopie endet, wird hier zur Hoffnungserzählung: Die Kinder sind keine verlorenen Seelen, sondern der Ursprung einer freieren, gerechteren Welt. Neills Sprache ist schlicht, fast märchenhaft, was dem Text trotz seines düsteren Ausgangspunkts eine Leichtigkeit verleiht. Besonders berührend ist die Vorstellung, dass der Verlust der Erwachsenenwelt nicht das Ende, sondern der Anfang sein könnte – einer Welt ohne Strafen, ohne Zwang, ohne Machtmissbrauch. Neill, Begründer der reformpädagogischen „Summerhill“-Schule, schrieb das Buch nicht nur als Kritik an autoritärer Erziehung, sondern als literarischen Gegenentwurf zu Gesellschaften, die Kindern misstrauen. In der literaturgeschichtlichen Linie steht das Werk zwischen Jules Vernes Technikoptimismus und William Goldings Herr der Fliegen – jedoch als Kontrast: Während Golding vom Rückfall ins Barbarische erzählt, glaubt Neill an das Gute im Kind. Sein Werk ist ein seltenes Beispiel für utopische Kinderliteratur, das auch heute noch als radikaler Impuls gegen überregulierte Bildungssysteme gelesen werden kann. Als Vorlesebuch bereits für Vorschulkinder geeignet, da es manchmal etwas brutaler zugeht, als man es von Kinderbüchern gewohnt ist. Da hier aber eine Geschichte in der Geschichte spielt, ist eine entsprechende Einordnung leicht und bereits für die jüngeren gut verständlich.
