ÜBERRAGEND „Die Welt würde sich nicht verändern, die Gewalt war immer schon da gewesen und würde sich niemals auslöschen lassen, Männer würden sterben durch die Stiefel und Fäuste und Gräueltaten anderer Männer, bis ans Ende der Zeit, und die gesamte Geschichte der Menschheit war eine Geschichte der Gewalt.“ (S. 292) Etwas länger als normal habe ich für Richard Flanagan´s Roman „Der schmale Pfad durchs Hinterland“ gebraucht; für 438 Seiten knapp bzw. etwas über 2 Monate. Das ist aber nicht weiter schlimm, denn so hatte ich länger was von dem (zu Recht) mit dem „Man Booker Prize 2016“ ausgezeichneten Roman. Sprachlich gelegen zwischen lyrisch-poetisch und ekelerregend-brutal - was ein Grund dafür sein dürfte, dass ich immer wieder Pausen einlegen musste, um die Bilder von Enthauptungen, Vivisektion und dergleichen verarbeiten zu können. Ich kann jeden verstehen, der das Buch nicht zu Ende lesen kann – es zieht einen emotional an vielen Stellen ziemlich runter. Allerdings halten sich Brutalität und lyrisch-poetische Passagen in etwa die Waage. Richard Flanagan zeigt den Krieg, wie er war, ist und bleibt – mit aller Härte, mit aller Brutalität. Dabei vergisst er aber auch nicht die Menschlichkeit, zeigt die Menschen hinter den Offizieren, den Aufpassern der Kriegsgefangenen etc.; geht mit ihnen ins Gericht und lässt sie dennoch „würdevoll“ erscheinen – widmet ihnen eigene Erzählstränge, erzählt ihre Lebensgeschichten zu Ende und der geneigten Leserschaft bleibt nichts Anderes übrig, als ihnen zu „verzeihen“, sie als kleines Rad im großen Getriebe des Krieges bzw. der Kriegstreiber zu sehen, denen kaum (keine) Möglichkeiten bleiben, denen das kranke System des Gehorsams gegenüber den Obrigkeiten keine Chance lässt – sofern ihnen ihr Leben lieb ist. Keine ausführliche Rezension kann diesem Meisterwerk gerecht werden; darum beende ich sie genau hier und jetzt. 10 von 5* ©kingofmusic
Insgesamt hat mir das Buch leider nicht wirklich gefallen, das Ende konnte es aber noch ein wenig rausreißen und daher gibt es von mir 3 Sterne für dieses Werk.
Sehr viele Zeitebenen zwischen denen der Autor für mein Empfinden wahllos hin- und herspringt, um das Leben eines tasmanischen Arztes zu erzählen, der im Zweiten Weltkrieg in japanische Gefangenschaft gerät. Im südostasiatischen Dschungel spielen sich Szene von grausamster Gewalt ab, die fast schon in poetischer Sprache beschrieben werden. Noch nie wurde mir das Köpfen eines Menschen so farbenfroh geschildert. Das Erzählte bleibt für mich episodenhaft, es kam keine Geschichte zustande. Die Figuren interessierten mich immer weniger, und die Liebesgeschichte klang fast schon kitschig. Kein Buch nach meinem Geschmack. Abbruch nach 140 Seiten.
Der junge tasmanische Arzt Dorrigo Evans gerät im 2. Weltkrieg in japanische Kriegsgefangenschaft. Zusammen mit seinen Kameraden gehört er zu der Gruppe von Kriegsgefangenen, die beim Bau der Thailand-Burma-Eisenbahn, die nicht umsonst auch „Todeseisenbahn“ genannt wird, eingesetzt wurden. Die Zustände dort sind unerträglich, die Kriegsgefangenen sterben wie die Fliegen. Dorrigo setzt alles daran, die ihm unterstellten Kameraden am Leben zu erhalten, doch ein zweites Thema beschäftigt ihn: die Erinnerung an seine Geliebte Amy – die Frau seines Onkels. Dorrigo wird die Todeseisenbahn überleben, wird zum gefeierten Kriegsheld, doch wirkliches Glück wird er nicht mehr finden. Ich hatte sehr hohe Erwartungen an dieses Buch – die darf man bei einem Werk, das mit dem Man Booker Prize ausgezeichnet wurde, auch haben. Stilistisch wurden diese Erwartungen absolut erfüllt, Flanagan schreibt poetisch, anspruchsvoll, ohne die Grenze zum schwer lesbaren Text zu überschreiten. Dorrigo selbst ist ein bibliophiler Charakter: „At such times he had the sensation that there was only one book in the universe, and that all books were simply portals into this greater ongoing work – an inexhaustable, beautiful world that was not imaginary but the world as it truly was, a book without beginning or end.“ (Seite 63) Die Schilderungen der Arbeit der Kriegsgefangenen und der Zustände im Camp sind schier unerträglich. Es ist jedoch wichtig, davon zu erfahren, darüber zu lesen, denn wir müssen erfahren, uns daran erinnern, zu welchen Grausamkeiten Menschen fähig sind, wenn sie indoktriniert wurden – ein Thema, das wohl leider nie seine Aktualität verlieren wird. Besonders interessant ist hier der Blick auf die japanischen Befehlshabenden. Einige Kapitel sind aus der Sicht eines solchen geschrieben, sodass der Leser eine Vorstellung von deren Denkweise vermittelt bekommt. Dies wird bis in die Nachkriegszeit fortgeführt, ebenso wie Dorrigo Evans‘ Geschichte. Dorrigos Charakter wird durch seine Liebe zu Amy und seine Erfahrungen als Kriegsgefangener geprägt. Im Grunde verlässt Dorrigo den Dschungel nie ganz. Ich würde hier gerne einen entscheidenden Satz zitieren, das kann ich aber nicht, da er einen Spoiler enthält. Ich kann diesem Buch trotz allem keine Bestwertung geben, denn ein Problem hatte ich: Die Liebesgeschichte ist nicht „an mich herangegangen“. Sie verläuft für meine Begriffe zu steril, zu schnell, ich kann sie nicht ganz nachvollziehen. Die Erfahrungen der Kriegsgefangenen im Camp sind als Thema mächtig genug, ich hätte lieber ein Buch gelesen, das sich gänzlich darauf konzentriert. Ich habe überlegt, ob man die Liebesgeschichte nicht hätte weglassen können, doch sie spielt für Dorrigos weitere Entwicklung eine zu große Rolle. Es wäre ein anderes Buch geworden. Daher gibt es von mir 4 von 5 Sternen und Richard Flanagans andere Bücher sind schon auf meiner Wunschliste gelandet.



