31. Mai
"Ein Buch zu entdecken, das bedeutete, sich frei über die Notwendigkeit des Alltags zu erheben [...]."
Bewertung:4

"Ein Buch zu entdecken, das bedeutete, sich frei über die Notwendigkeit des Alltags zu erheben [...]."

Dieses Buch ist mit Nichten makellos - aber es schafft etwas Schwierigeres: Es erinnert daran, warum wir überhaupt lesen. Es ist kein Roman, der mit dramatischen Wendungen um Aufmerksamkeit ringt. Und gerade deshalb ist er mir länger im Gedächtnis geblieben, als ich zunächst vermutet hätte. Die Geschichte beginnt beinahe unspektakulär: eine Frau, eine verstaubte Buchhandlung, ein Erbe, das eher Last als Geschenk zu sein scheint. Doch Montasser macht aus dieser vertrauten Ausgangslage etwas Eigenes. Er schreibt keinen Roman über Bücher. Er schreibt einen Roman über das, was Bücher mit Menschen machen. Valerie betritt die Buchhandlung ihrer verschwundenen Tante zunächst mit dem nüchternen Blick einer Betriebswirtin. Zahlen, Wirtschaftlichkeit, Vernunft. Doch zwischen Regalen, vergessenen Geschichten und einem geheimnisvollen Manuskript beginnt etwas, das sich kaum in betriebswirtschaftlichen Kategorien erfassen lässt: die langsame Rückeroberung des Staunens. Was mir besonders gefallen hat, ist die Atmosphäre. Diese Buchhandlung wirkt nicht wie ein Ort, sondern wie ein Zustand. Als hätte jemand die Hektik der Gegenwart ausgesperrt und stattdessen den Duft alter Seiten, das Klirren einer Teetasse und die Möglichkeit eines Wunders hineingelassen. Während draußen die Welt immer effizienter werden will, verteidigt dieser Roman mit sanfter Beharrlichkeit das Unnütze, das Schöne und das Träumerische. Dabei bewegt sich Montasser auf einem schmalen Grat. Geschichten über Buchhandlungen können schnell zu selbstverliebten Liebeserklärungen an das Lesen werden. Doch „Ein ganz besonderes Jahr“ vermeidet diese Falle meist geschickt. Der Roman feiert Literatur nicht als intellektuelles Statussymbol, sondern als Rettungsring. Bücher erscheinen hier nicht als Dekoration für gebildete Wohnzimmer, sondern als Wegweiser für Menschen, die sich selbst aus den Augen verloren haben. Und dennoch: Genau hier liegt auch der Grund, warum ich nicht fünf Sterne vergeben habe. Manchmal wirkt die Geschichte fast zu sehr wie das Buch, das sie selbst propagiert. Es gibt Momente, in denen ich mir mehr Reibung, mehr Ecken und Kanten, mehr Mut zur Unvollkommenheit gewünscht hätte. Der Roman glaubt fest an die heilende Kraft von Geschichten – vielleicht sogar ein wenig fester, als das wirkliche Leben es manchmal erlaubt. Doch seltsamerweise empfinde ich genau das nicht als echten Makel. Denn dieses Buch will keine realistische Bestandsaufnahme der Gegenwart sein. Es ist eine Erinnerung. Eine Erinnerung daran, dass es Orte gibt, die man nicht betritt, um etwas zu kaufen, sondern um etwas zu finden. Und manchmal ist dieses Etwas man selbst. Während des Lesens hatte ich immer wieder das Gefühl, als würde der Roman eine Frage stellen, die im Alltag viel zu selten gestellt wird: Wann hast du zuletzt etwas gelesen, das dich verändert hat? Vielleicht ist „Ein ganz besonderes Jahr“ nicht für jeden Leser ein außergewöhnliches Buch. Seine Handlung ist überschaubar, seine Sprache eher warm als gewagt, seine Konflikte eher leise als existenziell. Aber gerade in einer Zeit, in der vieles laut, schnell und spektakulär sein muss, besitzt diese Geschichte einen beinahe altmodischen Mut zur Sanftheit. Am Ende blieb bei mir kein überwältigender literarischer Paukenschlag zurück. Eher das Gefühl, nach einem langen Spaziergang durch Regen und Wind in eine kleine, warme Buchhandlung einzutreten. Man setzt sich in einen alten Sessel, hört das Rascheln von Seiten und vergisst für einen Moment, wie spät es eigentlich ist. Und manchmal ist genau das mehr wert als Perfektion. Für mich ein Roman wie eine gute Tasse Tee zwischen zwei Kapiteln – nicht lebensverändernd, aber lebensverschönernd. ♡♡♡ "Der Fluch des Großreinemachens besteht darin, dass das Chaos sich zunächst einmal ins Riesenhafte vergrößert. Erst wenn man an einem Punkt der Verzweiflung angelangt ist, an dem man kurz davor ist, wahlweise aufzugeben oder aus dem Fenster zu springen, beginnen sich plötzlich wie von Zauberhand die Nebel zu lichten. Zunächst fast unmerklich, dann zunehmend triumphal kehrt mit einem Mal endlich eine gewisse Ordnung ein, breitet sich eine Übersichtlichkeit aus, die nach den durchlittenen Anstrengungen und der durchlebten Seelenqual umso wohltunder wirkt." "Theatervorhänge sind eine wundervolle Erfindung. Geschaffen, um Banales zu verhüllen und neugierig auf das Besondere zu machen. Sie schaffen erst den Raum für unsere Phantasie, indem sie ihm den Blick von außen entziehen. Theatervorhänge betten unsere Aufmerksamkeit in die nötige Mischung aus Geheimnis und Vorfreude." "Sie atmete tief diese Erkenntnisse dieses wunderbaren Traumkabinetts ein, die Düfte all der neuen und alten Bücher, das Aroma ihrer Erlebnisse und Versprechen, ihrer Flüche und Prophezeiungen, der Hände, in denen sie gelegen hatten, der Sorgfalt mit denen Papierhersteller, Drucker und Binder an ihnen gearbeitet hatten, der Farbe, mit der sie gedruckt worden waren, des Leims, des Leinens, des Leders, der Buchdeckel und Schutzumschläge, der Heftungen, Lesebändchen und Seidenpapiere. Keine Parfümarie vermag eine so vollkommene Gulée aus dem Zusammenspiel zahlloser Düfte zu erzeugen wie eine Buchhandlung, in der mit aller Liebe alte und neue Werke sortiert wurden. Ein Buch ist ein ganz und gar sinnliches Erlebnis, wenn man denn einen Augenblick darauf verzichtete, es als bloßes Transportmittel von Erdachtem zu betrachten - es ist ein Gesamtkunstwerk."

Ein ganz besonderes Jahr
Ein ganz besonderes Jahrvon Thomas MontasserPiper
21. Apr.
Bewertung:5

Inhalt: Eigentlich wollte Valerie die etwas altmodische Buchhandlung ihrer spurlos verschwundenen Tante auflösen. Doch die junge Betriebswirtin hat die Macht der Bücher und die Magie der kleinen Buchhandlung mit dem Samowar unterschätzt. Jeden Tag entdeckt sie neue Schätze der Literatur und taucht immer tiefer in die zauberhafte Welt der Bücher ein. Als sie auf ein merkwürdiges Buch stößt, das nicht zu Ende geschrieben wurde, hält sie es für einen Fehldruck. Doch dann betritt ein Kunde ihre Buchhandlung, der genau dieses Buch schon lange sucht …(Quelle: amazon) Meine Meinung: Über die Liebe zu Büchern und den Charme einer kleinen Buchhandlung. Dieses Buch ist und war auf seine ganz eigene Weise besonders. Unbedingt lesen!

Ein ganz besonderes Jahr
Ein ganz besonderes Jahrvon Thomas MontasserPiper