
Andrea Newerla ist Soziologin und Beraterin, letzteres mit Fokus auf Intimität und (nicht nur romantische!) Beziehungen. Sie hat sich in ihrer Forschung bereits mit dem "Romantikdiktat" auseinandergesetzt, d.h. damit, wie wir gesamtgesellschaftlich die hetero-Paarbeziehung idealisieren und romantisieren. In diesem Buch nun geht es um einen niedrigschwelligen, informativen und praxisorientierten Einstieg in Familienformem jenseits der "klassischen" Hetero-Paarbeziehung und direkter Verwandtschaft, die gerade wenn es um Themen wie Queerness o.ä. geht auch zu einem unsicheren Ort werden kann. Wer jetzt bei dieser Beschreibung an die klischeehaften 68-er Kommunen denkt: Weit gefehlt, denn der hier verfolgt Ansatz ist ein klar feministischer und einer, bei dem es eben nicht nur um Sexualität geht, sondern gerade auch um freundschaftliche, nichtromantische intime Beziehungen und wie sich mit diesen soziale Netze spannen lassen. Also beispielsweise Freund*innen, die gemeinsam wirtschaften, gemeinsam wohnen, gemeinsam Kids erziehen. Wenn das anfangs auch wenns cool klingt etwas irritierend wirkt, geht es euch wie mir, zeigt aber eben auch, wie tief die Normalisierung romantischer Liebe und daraus hervorgehenden gemeinsamen Wirtschaftens in uns allen drinsteckt. Ich habe in der letzten Zeit schon einige Bücher gelesen, die sich mit dem Aufbrechen dieser Hetero-Kernfamilie-Muster befassen und die romantische Paarbeziehung kritisieren. Und Newerlas Buch hat mir davon mit am besten gefallen, aus mehreren Gründen. Erstens schreibt Newerla sehr niedrigschwellig und verständlich, setzt kein großes Vorwissen voraus und erklärt die Hintergründe sehr praxisorientiert. Damit ist das Buch auch gut für Leute geeignet, die sich mit dem Thema noch nicht sonderlich befasst haben. Zweitens bleibt das Buch nicht auf der Ebene der Kritik, sondern bietet ganz viele Lösungen/Ideen an. Newerla hat nämlich mit einigen Menschen gesprochen, die diese nicht-normgerechten Formen von Familie schon leben und damit ist das Buch eine Sammlung von Erfahrungen, die diese Arten des Zusammenlebens viel greifbarer machen. Es geht auch um Herausforderungen, Fehlkommunikation und auch bei den Befragten immer wieder darum, wie man bewusst ansozialisierte Überlegungen überwinden muss, damit das funktioniert oder eben auch daran scheitern kann. Ich muss seit dem Beenden des Buchs häufig daran denken, weil mir so viele Situationen einfallen, in denen ich mich frage, inwiefern diese "anderen" Arten von Familie hilfreich wären. Beispielsweise ein im Freundeskreis eingerichteter Fonds, auf den eine Person zugreifen kann, um sich aus einer gewaltvollen Beziehung zu befreien? Natürlich ist auch klar, dass es erstmal wenig bringt, ein solches Buch alleine zu lesen, weil man die "richtigen" Leute finden muss, um mit ihnen solche Experimente zu beginnen. Aber ich glaube, gerade dafür kann Newerlas Buch ein super Eisbrecher sein, denn oft genug sind ja selbst Themen wie Geld so schambehaftet, dass darüber nicht offen gesprochen wird. Newerlas Buch macht deutlich, dass es jenseits der Hetero-Paarbeziehung Formen der Familie geben kann, die Sicherheit bieten und dass die aber nur klappen können, wenn man es überhaupt mal versucht. Und ja, auch ich bin ob meiner praktischen Schlüsse aus dem Buch jetzt noch unsicher, ob etwas was für mich ist, aber allein nochmal der Perspektivwechsel, wie absurd es eigentlich ist, in Paarbeziehungen das ganze Leben miteinander zu planen und in Freund*innenschaften teilweise nicht mal über Geld, Zukunft oder gemeinsames Wirtschaften zu reden, war für mich sehr gewinnbringend.

