In “Macht und Müdigkeit” (2023) schreibt die Grünen-Politikerin Antje Kapek über Politik. Laut Klappentext geht es um ihren Ausstieg aus dem zermürbenden Politikbetrieb, in dem sie ständig erreichbar und erschöpft von 18-Stunden-Tagen war. Indem Politiker*innen ihre grundmenschlichen Bedürfnisse - Essen, Schlafen, aber auch soziale Kontakte - hinten anstellen, leiden nicht nur ihre Energie und mentale Gesundheit, sondern auch ihre Empathiefähigkeit. Es kann nicht im Sinne guter politischer Entscheidungen sein, wenn diese strukturell von erschöpften Menschen unter permanentem Zeitdruck getroffen werden. Kapek zieht eine Parallele zwischen der Politik und den Arbeitsbedingungen insgesamt. Immer mehr Menschen empfinden Zeitmangel und versuchen, diesen durch ein besseres individuelles Zeitmanagement zu lösen. Stattdessen bedürfte es eines Systemwandels. Doch wer erschöpft ist, hat keine Energie für politische Aktionen. Kapeks Gedanke, dass sich in der Politik besonders zeigt, was für die Arbeitswelt insgesamt gilt, hat mich nicht vollständig überzeugt. Etwa zitiert sie Hartmut Rosa, der den Zeitmangel aber gerade nicht mit einer höheren Zahl an Erwerbsarbeitsstunden erklärt, sondern damit, dass wir zunehmend auch Freizeitaktivitäten als Selbstoptimierung und damit als stressig empfinden. Dieser Gedanke passt aber offensichtlich nicht zu dem Politikbetrieb, wie Kapek ihn skizziert. Kapeks Kritik an den Arbeitsbedingungen in der Politik bietet nur den Einstieg in eine Diskussion allgemeiner politischer Themen. Titel und Klappentext sind daher etwas irreführend. In einem Rundumschlag geht es etwa um die Vermögens- und Erbschaftssteuer, ein bedingungsloses Grundeinkommen oder Quotenregelungen. Kapeks Positionen dazu finde ich fast durchweg sinnvoll und ich glaube, dass sie ehrlich an einer sozialeren, intersektional feministisch orientierten Politik interessiert ist. Allerdings lesen sich die Ausführungen in weiten Teilen wie ein allgemeines politisches Absichtsprogramm. Ich hätte mir erhofft, dass sie konkreter beschreibt, wie sich die allgemeinen strukturellen Probleme - die in anderen Büchern viel detaillierter beschrieben sind - speziell im Politikbetrieb zeigen.
Machtstrukturen•Gesellschaftskritik
„Macht und Müdigkeit - Eine Überfällige Kritik unserer Politik der Selbstausbeutung“ von Antje Kapek bietet eine eindringliche Analyse der heutigen Arbeitswelt und ihrer Auswirkungen auf die individuelle Gesundheit und das gesellschaftliche Wohlbefinden. Mit einer klaren Sprache und gut recherchierten Fakten enthüllt Kapek die Mechanismen der Selbstausbeutung und zeigt auf, wie diese unsere Lebensqualität beeinträchtigen. Durch die Verknüpfung von persönlichen Erfahrungen mit breiteren sozioökonomischen Trends gelingt es ihr, ein facettenreiches Bild zu zeichnen. Obwohl das Buch manchmal etwas repetitiv ist und einige Themen nur oberflächlich behandelt werden, bietet es dennoch wertvolle Einsichten und Anregungen für ein Umdenken in Bezug auf Arbeitskultur und Lebensbalance. Mit einer Wertung von 4/5 ist es eine lohnenswerte Lektüre für alle, die sich für die Themen Macht, Arbeit und Selbstfürsorge interessieren.

