10. Okt.
Bewertung:4

"[D]ie sozialpsychologischen Folgen eines illusionären Glaubens an die Kraft des positiven Denkens. Das ist es, was aus Positivität toxische Positivität macht." (S. 31) Jammerlappen, schwach und selbst schuld. Wer Probleme aufzeigt und Sorgen äußert, wird schnell als anstrengend und lästig abgetan. Änder doch mal deinen Blickwinkel; sieh nicht immer alles so schwarz; positiv denken. Mein Umfeld kennt meine Antwort auf solche Äußerungen: Optimisten sind nur schlecht informiert und Pessimisten sind Optimisten mit Lebenserfahrung. Toxische Positivität entwertet die realen Gefühle von Menschen und verwandelt berechtigte Sorgen in ein individuelles Defizit. Damit verschiebt sich die Verantwortung für gesellschaftliche und strukturelle Probleme auf die Einzelnen. Genau diesen Mechanismus beschreiben Franz Himpsl und Judith Werner in "Danke, nicht gut". Dabei ist es ein Hohn für alle, die gerade in einer belastenden Situation stecken, wenn sie diese einfach weglächeln sollen. Auf das richtige Mindset käme es an. Ein Begriff, bei dem ich kotzen könnte. Dazu gesellen sich passende Produkte: Power Shower, Superfood, Yoga Apps ... Aber mittlerweile geht es nicht mehr nur um die eigene Kuschel-Blase. Die Welt macht in Zeiten von Krisen, Kriegen und politischen Totalausfällen eine Rolle rückwärts und wünscht sich zurück in die überschaubare Beschaulichkeit. Augen-verschließen-vor-der-Wirklichkeit 2.0. Was auf diesen Eskapismus unweigerlich folgt, ist der Egoismus. Die Autor:innen betonen hier, dass es gefährlich wird, wenn Achtsamkeitsrhetorik und Lifestyleprodukte zum Ersatz für politisches Handeln werden. Toxische Positivität geht oftmals Hand in Hand mit Perfektionismus und erzeugt so einen wahnsinnigen (Leistungs)Druck, dem auf Dauer niemand standhalten kann. Aber Menschen, die sich öffnen und verletzlich zeigen, wird eher Vertrauen geschenkt, wohingegen ein Dauergrinsen irgendwie verdächtig wirkt: Mit dem kann doch was nicht stimmen. Schließlich muss man doch hin und wieder Scheiße beim Namen nennen, oder?! Mir ist klar, es muss einen Mittelweg geben. Zu dem kann uns, laut Himpsl und Werner, der existenzielle Pragmatismus führen. Es geht nämlich gar nicht nur darum, grinsend im Trümmerfeld zu stehen. Ja, die Welt bricht auseinander, aber in unserem kleinen bescheidenen Radius wird nicht alles von äußeren Katastrophen beeinflusst. Wenn wir uns auf ein paar wesentliche "Kleinigkeiten" beschränken, können wir bestimmt ganz zufrieden sein. Ansprüche und Erwartungen runterschrauben: Auch das ist ein Mittel gegen toxische Positivität. Das Zauberwort heißt: Gelassenheit. Denn die hat nichts mit Gleichgültigkeit zu tun hat, sondern mit einer Haltung, die Leiden anerkennt und trotzdem handlungsfähig bleibt. Dem gegenüber steht allerdings das neoliberale Leistungsdenken à la "Du kannst alles schaffen und alles erreichen." Dafür darfst du aber, um Gottes Willen, absolut nichts verpassen! Hier kollidiert FOMO mit Genügsamkeit. Aber: "Zum Glück sind wir Menschen vernunftbegabte Zweibeiner, und uns sollte im Gegensatz zu Dackeln eigentlich klar sein: Wir können nicht alles schaffen, nicht alles erleben, nicht alles werden." (S. 109) Oder um es mit meinen Töchtern zu sagen: "Chillt ma'." Dass es sich lohnt, die Perspektive zu wechseln und wie das gelingen kann, beschreiben Franz und Judith in "Danke, nicht gut". Sie lösen dabei Schubladen auf, denn, wie wir wissen, gibt es nicht bloß eindeutige Kategorien, sondern zahlreiche Variationen. Somit auch nicht den guten Optimisten und den bösen Pessimisten. Aber lest es am besten selbst. Ich bin mir sicher, in diesem Buch finden alle ihre persönlichen Botschaften. Ich werde mich jedenfalls bemühen, ein bisschen gelassener aufs Leben zu blicken, auch wenn ich dabei weiterhin Judith Holofernes' "Haste schon mal vorgeleidet, biste besser vorbereitet" im Ohr habe.

Danke, nicht gut
Danke, nicht gutvon Franz HimpslKösel