
Wenn Literatur zur eigenen Biografie wird – und die Erinnerungen an die Platte hochkommen.
Ich habe „Nullerjahre“ vorhin gerade zugeschlagen und musste mich erstmal eine Weile sammeln. Selten hat mich ein Buch so kalt erwischt, denn der Autor und ich teilen dieselbe DNA: Im selben Jahr geboren, im selben Bundesland aufgewachsen. Während ich die Seiten las, kamen die alten Gerüche, der Sound und das Lebensgefühl von damals mit einer Wucht hoch, die fast wehgetan hat. Das Buch hat mich gezwungen eigene Jugenderfahrungen in einem neuen Licht zu reflektieren. Und mir unterschwellig gezeigt, was unsere ostdeutsche Generation so sehr geprägt hat: Geburtsurkunde aus einem verschwunden Land, ohne eigene Erfahrung oder Erinnerung daran. Desillusionierte Erwachsene, die aber nicht für uns verständlich kommunizieren konnten, woher dieses Verlustgefühl stammte. Wir kannten schließlich nichts anderes als die "Neuen Bundesländer". Toxische Männlichkeit, Alkohol, Drogen, Antisemitismus, Gewalt, Rassismus - dieses Buch ist keine leichte Kost. Ich habe körperliche Gewalt als Mädchen in Rostock zum Glück nicht selbst abbekommen. Aber sie war da. Sie lauerte ständig irgendwo an der Peripherie des eigenen Lebens, zwischen den Betonklötzen und auf den Hinterhöfen. Man spürte diese latente Spannung der Nachwendezeit im Rückblick betrachtet jeden Tag, ohne sie damals bewusst benennen zu können. Bolz schreibt keine nostalgische Liebeserklärung. Es ist ein ungeschönter, literarischer Ritt, der tief unter die Haut geht – besonders, wenn man dieselbe Luft geatmet hat. Für mich ein absolutes Jahreshighlight und ein wichtiges Buch für das Verständnis der verschiedenen Lebenswelten von Ost und West, die ja bis heute (36 Jahre nach der Wende!) immer noch bestehen und nachwirken.


















































