"Erinnerungen sind nicht statisch; sie ändern sich mit der Zeit, manchmal so sehr, dass sie nur noch entfernte Ähnlichkeit mit dem haben, was sich tatsächlich ereignet hat." Esther Safran Foer erzählt in ihrem Roman autobiographisch über ihre Suche nach der Vergangenheit. Ihre Eltern überlebten den Holocaust, viele Familienmitglieder starben. Dieses Buch beschreibt ihre Recherchen und erzählt uns die erschreckende Geschichte eines Volkes, das ausgelöscht werden sollte. Der Schreibstil der Autorin ist recht speziell und hat es mir lange schwer gemacht, mit dem Buch warm zu werden. Die Autorin beschreibt ihre Recherchearbeit, dabei geht sie nicht immer chronologisch vor, erzählt Einzelheiten nicht immer zu Ende. Viele Verwandte werden kurz eingeführt und die Vielzahl der Namen hat es mir sehr schwer gemacht, alle Personen zuzuordnen. Interessant sind die persönlichen Eindrücke aber allemal und vor Allem die Recherchereise in die Urkaine hat mich dann doch gepackt. Das Buch macht neugierig auf weitere Recherche zu dem ausgelöschten Dorf Trochenbrod. Das Buch ist mit einigen Fotografien ausgestattet, die die Geschichte lebendig machen, und mit einem kleinen Stammbaum, der aber bei weitem nicht die Personen abbildet, die im Buch genannt werden. Mir fehlte allerdings ein Glossar, zur Erklärung der vielen jüdischen Begriffe im Buch. Kein einfaches Buch, aber eine unglaublich wichtige Geschichte zu einem dunklen Kapitel der Vergangenheit, dass bis heute nachwirkt.
„Ihr sollt wissen, dass wir noch da sind“ von Esther Safran Foer ist die reale Familiengeschichte hinter dem erfolgreichen, aber fiktiven Roman „Alles ist erleuchtet“ ihres Sohnes Jonathan Safran Foer. Die jüdische Familie der Autorin stammt aus einem kleinen Ort in der heutigen Ukraine, dessen fast ausschließlich jüdischen Bewohner von den Nazis getötet und der Ort ausgelöscht wurden. Aufgrund des großen Schweigens der Mutter, weiß die Autorin selbst nur wenig über die geglückte Flucht ihrer Eltern und war ihr ganzes Leben auf der Suche nach Antworten Der Erfolg des Roman wie auch der späteren Verfilmung hat der Autorin viele Türen geöffnet. Wie sie selbst schreibt „lieferte der Roman zwar keine Fakten, wurde aber zum Schlüssel um Menschen mit Informationen zu finden, die dabei helfen würden, einige der tiefsten Geheimnisse meiner Familiengeschichte zu bergen.“ Besonders wichtig war ihr dabei, die Familie zu finden, die ihren Vater vor den Nazis versteckt hat. Ich gestehe ich habe von dem Buch mehr erwartet und erhofft, als ich bekommen habe, ich sage aber gleich dazu, dass es einen großen Unterschied gibt zwischen dem „Was“ und „Wie“ es erzählt wurde. Inhaltlich wird jeder, der sich mit der Geschichte des zweiten Weltkrieges und Nazideutschland auseinandersetzt meiner Meinung sein: Das sind Ereignisse und Schicksale, die nie vergessen werden dürfen, gerade auch weil Zeitzeugen und Holocaust-Überlebende immer weniger werden. Solche Bücher so ungemein wertvoll und wichtig. Und auch wenn man schon viele weiß, weil man vieles gelesen oder in Dokumentationen geschaut hat, so schockieren mich die Gräueltaten und Verbrechen der Nazis immer wider aufs Neue und auch hier hatte ich oft genug einen Kloß im Hals beim Lesen. Und es gibt auch immer noch genügend Dinge, von denen ich noch nicht gehört habe, auch was die Schikanen gegenüber den Juden nach dem Krieg angeht. Außerdem war es sehr spannend die Autorin bei ihrer Recherche zu begleiten. Auch hier zitiere ich sie noch einmal gerne: „Die unerwartete Entdeckung einer Person führte zwangsläufig zu einer weiteren mit noch mehr Informationen, und doch merkte ich, je mehr ich erfuhr, desto weniger wusste ich.“ Und letzteres konnte ich extrem nachvollziehen, denn sowohl die Umsetzung in Bezug auf Sprache und ergänzende Extras, die ich für ein Sachbuch-ähnliches Buch erwarte, haben mich eher enttäuscht. Oft war ich bzgl. der Satzkonstruktion, wenn sie in einem Satz die Sicht gewechselt hat komplett verwirrt. Sie spricht z.B. von ihren Großeltern aber im gleichen Satz auch von den Großeltern der Mutter … da hätte sie auch einfach von ihren Urgroßeltern sprechen können. Und leider hat da auch der hinten im Buch abgebildete Stammbaum nicht geholfen, denn es werden so viele Familienmitglieder erwähnt, die man im Stammbaum aber nicht findet. Da hätte ich mir tatsächlich einen vollständigen Stammbaum oder von mir aus auch mehrere Stammbäume gewünscht, aber ich auch ein bissl Stammbaum-verrückt. Leider fand ich auch den Sprachstil für mich persönlich zu nüchtern, eine Verbindung zu Esther oder auch ihrer Mutter konnte ich leider so gut wie gar nicht aufbauen, auch wenn es gegen Ende besser wurde. Außerdem haben mir Karten der Region in der Ukraine und ein Glossar zu den jüdischen Begriffen im Buch gefehlt. Natürlich kennt man viele, aber eben nicht alle, die hier erwähnt werden. Ich schwanke tatsächlich ein wenig zwischen 3,5 und 4 Sternen. Die genannten Kritikpunkte in der Umsetzung haben mich schon sehr gestört, aber es gab inhaltlich auch Aspekte, die ich wirklich grandios fand und wo ich dann doch bei Esther und ihrer Familie war, auf die ich aber ohne zu spoilern nicht näher eingehen kann.
Esther Safran Foers Buch ist eine Annäherung an ihre Familiengeschichte. Die Suche nach ihren ermordeten Verwandten, aber auch die Annäherung daran, wie Erinnerung funktionieren kann. Sie beschreibt dabei auch, wie schwierig es ist, Nachforschungen über Menschen an zustellen, die sie selbst nicht kannte, und über die sie im Grunde nur Bruchstückhaft Dinge weiß, die wiederum aus der Erinnerung ihrer Mutter oder anderer stammten. Gleichzeitig geht es auch um das Schweigen über die Shoa (jüd. Bezeichnung für den Holocaust) und wie die Nachfahren Überlebender mit diesem Trauma umgehen. Was das mit ihnen macht, was das mit ihr gemacht hat. Das Schweigen ist dabei ein besonders wichtiger Faktor. So hat auch ihre eigene Mutter kaum über ihre Erlebnisse gesprochen und wenn dann auch zu Esthers Überraschung erst mit den Enkelkindern und nicht mit ihrer Tochter. Nicht nur weil sie das Gefühl hatten, alles hinter sich lassen zu müssen um weiter machen zu können, sondern auch, weil niemand zu hören wollte. Auch Esther selbst hat sich dieser Geschichte erst gestellt, als ihr Sohn Jonathan begann Nachforschungen zu stellen. Im Grunde ist sein Roman "Alles ist erleuchtet", ein Startpunkt für Esther gewesen, sich den Geheimnissen ihrer Familie anzunehmen. Dabei geht es ihr gar nicht so sehr darum, alle Wahrheiten zu entschlüsseln, aber viel mehr einen eigenen Umgang mit der Vergangenheit zu finden. Daher ist das ihr ganz eigener Weg und für sie ihre Möglichkeit, sich an die Ermordeten zu erinnern, gerade weil es nur Massengräber als sonstige Erinnerungsorte gibt. In der jüdischen Tradition spielen Namen eine wichtige Rolle. Es ist ganz normal, die Vornamen der verstorbenen (z.B. Vorfahren, die Namen der eigenen Eltern, Großeltern usw). an die eigenen Kinder weiter zu geben, dabei sind mehrere Namen keine Seltenheit. Auch deshalb spielen Namen in diesem Buch eine zentrale Rolle. Für Esther, aber auch in vielen offiziellen Veranstaltungen zu Erinnerung an den Holocaust, geben die Namen den Ermordeten ihre Würde, aber auch ihre Identität zurück. Sie werden sichtbar. Es gab sie, sie haben gelebt. Manchmal kann einen die Fülle an Namen etwas erschlagen. Das schreibt die Autorin sogar auch selbst. Nicht alle Verwandtschaftsverhältnisse habe ich daher behalten. Das war zum Teil echt etwas überladen. Aber ich kann versehen, wie wichtig ihr dieser Punkt ist. Gerade über ihre Schwester Asya, die Halbschwester, die Tochter der ersten Ehefrau von Esters Vater, weiß man leider nichts. Es gibt kein Foto. Esther hat nur den Namen und weiß, wo sie ermordet wurde, in welchem Massengrab sie liegt. Es hat mich sehr berührt, das letztendlich einen Weg gefunden hat, auch durch dieses Buch die Erinnerung wach zu halten. Erschreckend ist dabei, wie in der Ukraine selbst mit der Erinnerung umgegangen wird. Hier weiß ich tatsächlich zu wenig, aber durch das Buch scheint schon durch, das dort keine wirkliche Aufklärung über den Holocaust zu herrschen scheint. Laut Foer gibt es z.B. keinen gezielten Schulunterricht über diese Zeit und vor allem über die Rolle der Ukraine. Die angebrachten Erinnerungstafeln werden oft zerrstört und es gibt z.B. oft keine Erwähnungen über den jüdischen Hintergrund verschiedener Städte in Broschüren die etwa Touristen erhalten. Lange gab es über Trochenbrod, der zentralen Stadt in der Esters Familiengeschichte beginnt, keine Informationen über das Shtetl. Die Informationen waren so dürftig, das Jonathan Safran Foer in seinem Roman, das Shtetl und das Leben dort komplett erfunden hat. Das führte sogar dazu, das manche Außenstehende dachten, die Stadt sei komplett erfunden. Gleichzeitig ist das Buch trotz des traurigen Themas so lebensbejahend. Die Familie ist trotz allem gewachsen und durch die Recherchen wurden neue Bande geknüpft, Verwandte gefunden und letztendlich ist das Buch auch ein Zeugnis darüber, das es den Nationalsozialisten nicht gelungen ist, alle Juden zu ermorden. Es gibt wieder jüdisches Leben in der Welt und sie haben große Familien, bilden Netzwerke, halte die Erinnerung hoch. Aber sind eben auch Teil unserer heutigen Geschichte und das jeden Tag aufs neue. Esther Safran Foer hat neben all der Traurigkeit, trotzdem auch Positives aus dem Trauma ihrer Familie ziehen können. Für mich ist das irgendwie so ein Sieg über die Nationalsozialisten, bei all dem Schmerz, bei all dem Hass,abgebrochenen Lebensläufen, Geschichten die für immer verloren sind, gibt es auch Liebe, Erinnerung und Zukunft.
Eine sehr interessante und wichtige (Familien-) Geschichte! Ich habe viel neues gelernt und habe auch nachgeforscht, da mich die Geschichte um das Schtetl Trochenbroch schon mitgenommen hat. Einfach eine traurige und unglaubliche Geschichte. Ich bereue nicht, das Buch gelesen zu haben, auch wenn ich zwischendurch echt so meine Probleme damit hatte. Es war leider überladen mit Fakten und jüdischen Namen. Ich verstand warum es der Autorin so wichtig war, alles genau zu erzählen, aber dann hätte sie vielleicht sich mehr dafür Zeit nehmen müssen und ca. 100 Seiten mehr zufügen sollen. Es waren so viele Fakten, dass man schnell den Überblick verloren hat. Ein Glossar über die ganzen jüdischen Begriffe/Feste/Feiertage sowie Karten wäre sehr hilfreich gewesen. Die Familienengeschichte von Esther Safran Foer fand ich ansich sehr interessant und ich wäre auch so dahinter her gewesen, die Geschichte meiner Familie zu erfahren. Zum Ende hat mich die Geschichte schon berührt, aber den vollen emotionalen Zugang zur der Geschichte und den Personen habe ich nicht gehabt. Ich werde dieses Buch und seine Geschichte bestimmt nicht mehr vergessen. Ich bin froh es gelesen zu haben, auch wenn es für mich zwischendurch echt anstrengend war und ich manchmal überwinden musste weiterzulesen. Trotz allem war es lesenswert!



