31. Mai
Bewertung:3

Von einem polnischen Freund empfohlen, nachdem ich nach polnischer Literatur fragte, denn ich glaube, ich habe noch nie etwas Polnisches gelesen...nun also mein erster Kontakt mit polnischer moderner Literatur. Dorota Masłowska hat diesen irren Drogen-Halluzinatonsroman mit 18 Jahren geschrieben (ich genoss es, mich endlich mal im Rückblick als unschuldige 18-Jährige zu sehen) und gleich eine Menge Preise abgeräumt. Es ist wirklich ein außergewöhnliches Buch, von Schreibstil und Wortwahl über Charaktere bis hin zu einer Story, über deren Verlauf ich mir immer noch nicht im Klären bin (ehrlich gesagt bin ich mir nicht mal sicher, wer von den Protagonisten am Ende am Leben ist und wer nicht) ;) Aber hat mir das Buch auch gefallen? Ich habe keine Ahnung. Es wurde mit "polnisches Trainspotting" beworben und ich muss sagen, dass ich Trainspotting klar besser fand. Trotzdem gab es aber auch in Masłowskas Version des Psychotrips einige Elemente, die einfach klasse waren: die Bearbeitung der polnischen Zerrissenheit zwischen Ost und West und der Klischees, die darüber vorherrschen; die spannungsreiche Beziehung zu Russland; und dass die Autorin irgendwann selbst im Buch auftaucht. Während des Lesens hätte mir manchmal ein bisschen weniger Trip wohl besser gefallen und ich habe das Lesen stellenweise sogar als schrecklich empfunden, im Nachhinein und einem bisschen Abstand finde ich das Buch jedoch besser und besser. Ein kreatives Spiel mit dem Geschichtenerzählen, das an mancher Stelle aber etwas zu sehr ausufert und mich vollständig verwirren konnte. In meinen Augen kein polnisches Trainspotting, aber vielleicht ein Schätzchen für alle, die mal etwas wirklich Abgedrehtes lesen wollen, inklusive West-Ost-Konflikt und panischem Festhalten an der polnischen nationalen Identität.

Schneeweiss und Russenrot
Schneeweiss und Russenrotvon Dorota MaslowskaKiepenheuer & Witsch
28. Sept.
Bewertung:4

Im polnischen Original heißt dieses 2002 zuerst veröffentlichte Buch "Polnisch-Russischer Krieg unter weiß-roter Flagge". Olaf Kühl übersetzte nicht nur das Buch, sondern auch den Titel - als Wortspiel. Statt Rosenrot nun also Russenrot - ob es das gebraucht hätte? Es liest sich wie [a:Thomas Pynchon|235|Thomas Pynchon|https://images.gr-assets.com/authors/1465361157p2/235.jpg]. Das bedeutet vor allem erst einmal, dass es sich überhaupt nicht leicht liest, aber sehr gut geschrieben ist. Dann bedeutet dieser Vergleich, dass es genauso drogengesättigt, paranoiagetränkt und surreal zugeht wie bei ihm. Außerdem stellt es auch die Moderne in ihrer Nichtrationalität und Verachtenswerthaftigkeit dar. Und schließlich bedeutet es, dass es eklig ist. Was bei Pynchon Fäkalienverzehr in [b:Gravity's Rainbow|415|Gravity's Rainbow|Thomas Pynchon|https://i.gr-assets.com/images/S/compressed.photo.goodreads.com/books/1414969925l/415._SY75_.jpg|866393] ist, das ist hier das Auskotzen von Steinen. Es geht um einen drogensüchtigen und nicht sehr eloquenten Typen, der Frauen verachtet, ohne es sich so richtig einzugestehen. Er hat eine Menge Selbsthass, der aber nicht zum Ändern seines Verhaltens führt. Und dieses Verhalten äußert sich in Prügeleien, Konsum und den Versuch, Frauen zu verführen, oder, wenn dies nicht klappt, zu missbrauchen. Eigentlich liebt er eine, aber dann tut er ihr irgendwie doch Gewalt an. Alles wird sehr lakonisch erzählt. Irgendwann trifft dieser unsympathisch bleibende Protagonist auch auf die Autorin selbst. Ich hatte damit gerechnet, dass dies ein ironisch-verspieltes-vergeltendes Auftauchen wäre, und der Schlüssel zu diesem Roman darin bestände, dass die Autorin diesen Typen tatsächlich kennt, und ihm ein literarisches Denkmal voller Hass gesetzt hätte. Bisher kenne ich nur ein Buch, wo ganz offen der Schriftsteller selbst als Romanfigur auftauchte (und zwar Houellebecqs [b:Karte und Gebiet|9737231|Karte und Gebiet|Michel Houellebecq|https://i.gr-assets.com/images/S/compressed.photo.goodreads.com/books/1331358606l/9737231._SY75_.jpg|13583341] ), was ich als Leser sehr genossen hatte, vor allem im Vergleich zu den sonst eher peinlichen Schriftsteller*innen, die ständig in Romanen auftauchen, zwar sehr viele biographische Details mit den Autor*innen teilen, aber dann doch pseudofiktiv einen ganz anderen Namen tragen. Hier taucht [a:Dorota Masłowska|81327|Dorota Masłowska|https://images.gr-assets.com/authors/1219996679p2/81327.jpg] aber auf einer völlig anderen Ebene auf, auf einer sehr, sehr surrealen, als Protokollführerin in einer Polizeidienststelle. Neben Misogynie, Sinnlosigkeit und Drogenkonsum verrät schon der Titel, dass auch dem polnischen Nationalsimus ein paar indirekte Watschen gegeben werden. Ein herrausforderndes Buch, das ich nicht gänzlich verstanden habe, aber vielleicht auch gerade deswegen gut finde.

Schneeweiss und Russenrot
Schneeweiss und Russenrotvon Dorota MaslowskaKiepenheuer & Witsch