Das war sehr interessant zu lesen! Dystopische Zukunftsszenarien find ich sowieso erstmal spannend, hier wird es verbunden mit politischen Aufständen, Anarchie, einer ambivalenten Liebesgeschichte und einer alternativen Realität im Videospiel. Prägnante, kurze Sätze, die irgendwie umher wandeln genauso wie die Protagonisten. Außerdem werden viele politische Figuren und verschiedene Orte in Europa namentlich genannt, von denen ich viele nicht kannte und die mir deswegen doch zwischendurch den Zugang zur Geschichte erschwerten. Es wirkte alles sehr abstrakt und unwirklich, so auch die Charaktere und ihre Handlung. Ich schwanke zwischen 3,5 - 4 Sternen, weil sich bei mir keine emotionale Verbindung entwickelt hat (und das oft das ausschlaggebende Gefühl bei mir ist, ein Buch richtig toll zu finden), ich es aber trotzdem inspirierend fand und cool, von gewohnten Erzählweisen und Lesegewohnheiten abzuweichen.
Eine nicht allzu ferne Dystopie. Es ist das Jahr 2030 und Europa versinkt im Chaos. Aufstände und Gesetzlosigkeit bestimmen die Stimmung auf den Strassen. In Brüssel, mitten im Herzen der europäischen Verwaltung, suchen zwei sehr unterschiedliche Partner ihre Rolle in dieser sich so schnell verändernden Welt. Dieser Roman ist außergewöhnlich, mit besonderen Charakteren und einem interessanten Erzählstrang. Schreibstil, Sprache und Wortwahl sind ebenso außergewöhnlich, in einem positiven Sinne. Ein Buch, welches zum Nachdenken anregt.
In den besten Momenten ist die kurze, kühle Prosa von Goldhorn in den Bereichen von Kracht und JG Ballard. Das Rätselhafte nutzt sich hier aber mit der Zeit etwas ab und hat mich am Ende leider etwas verloren.

Was sagt es über die Gegenwart aus, wenn man nur 5 Jahre in die Zukunft gehen muss, um eine Dystopie zu erzählen?
Marius Goldhorn erzählt von einem gebeutelten Europa im Jahr 2030. Aufstände in Belgien, Faschismus in Italien, ein besetztes Museum in Brüssel. Irgendwo aufgefädelt zwischen diesen Koordinaten: der fast namenlose Erzähler T. und sein wohlstandsverzogener Partner Ezra, der als “Deborn” diverse Endzeittheorien im Internet spinnt und eine Gefolgschaft um sich weiß, die an Verschwörungszirkel erinnert. Scheuklappenartig werden wir von T. durch die politischen Unruhen und sein obsessives Beziehungsleben geführt, können nur erahnen, was um uns herum passiert, sind viel zu nah dran und trotzdem seltsam distanziert, während wir mühsam versuchen das große Ganze zusammenstückeln. Zeitweise finden wir uns in einem Computerspiel wieder, um uns zu fragen ob das nicht vielleicht die wesentlich angenehmere Realität wäre. Sprachlich ist dieses Buch ein stilistisches Kunststück, Futureliteratur, möchte man sagen. Wir wabern zwischen hypnotischer Mystik, dokumentarischer Nüchternheit und sensorischer Poesie umher und finden die Krönung schließlich in einer anarchistischen Gesellschaftskizze, die uns ein paar verschlüsselte und ein paar sehr direkte Antworten gibt auf die Fragen, die sich im Laufe der Lektüre aufdrängen. “Die Prozesse” ist ein Buch, das noch nach dem Lesen weiterwächst, in Gedanken, und sich erst Tage später in ganzer Größe zeigt.



