Gigantisch
Was kann man über Krieg und Frieden von Leo Tolstoi sagen – oder besser gesagt: Was kann man nicht darüber sagen? Das würde vermutlich deutlich schneller gehen. Es ist der längste Roman, den ich je gelesen habe. Die vier Bände umfassen zusammen über 1.500 Seiten, und ich muss sagen: Keine einzige Seite ist zu viel. Ich würde die einzelnen Bände gerne separat bewerten, weil jeder seinen eigenen Höhepunkt und seine eigene Botschaft besitzt. Doch das würde den Rahmen einer einfachen Rezension sprengen. Deshalb versuche ich, das Werk als Ganzes zu beurteilen. Der Roman spielt zur Zeit von Napoleons Russlandfeldzug. Dabei erleben wir nicht nur den Krieg und seine Grausamkeiten – wobei diese meiner Meinung nach nie übermäßig ausgeschlachtet werden –, sondern vor allem die Schicksale der Menschen, die durch ihn betroffen sind. Wir erleben Liebesgeschichten, gesellschaftlichen Zerfall, Identitätskrisen und Männer, die von Heldentum träumen, aber erkennen müssen, welchen hohen Preis es fordert. Wir erleben den Zusammenbruch von Persönlichkeiten, die sich einst für stark hielten, ebenso wie Intrigen und verzerrte Selbstwahrnehmung. Kurz gesagt: Wir erleben nahezu alles, was den Menschen ausmacht – im Guten wie im Schlechten. Wir begegnen der Frage nach Gott, philosophischen Überlegungen über das Leben und sogar Geheimbünden wie den Freimaurern. In diesem Buch bleibt kaum ein Thema unberührt. Tolstoi analysiert die Ursachen und Mechanismen des Krieges, zeigt aber ebenso eindrucksvoll die Möglichkeit des Friedens auf. Wir erleben, wie sich Dinge zum Guten wenden können, und Menschen, die durch das Feuer der Prüfungen gehen und am Ende stärker daraus hervorgehen – wie ein Phönix aus der Asche. Tolstoi gelingt es, unzählige Zeilen voller Weisheit zu schreiben. Genau aus diesem Grund lese ich so gerne Klassiker: Sie tragen diesen Titel meist aus gutem Grund, und Krieg und Frieden hat mir das eindrucksvoll bewiesen. Das Buch ist anspruchsvoll und fordernd, aber am Ende belohnt es den Leser reichlich. Ich bin froh, mich in die Reihe derjenigen einordnen zu dürfen, die dieses große Werk der Weltliteratur gelesen haben, und kann es jedem nur ans Herz legen. Der einzige Grund, warum ich 4,5 statt 5 Sterne vergebe, ist, dass es für mich nicht der größte Roman ist, den ich je gelesen habe. Diesen Platz nehmen nach wie vor Die Brüder Karamasow ein. Gerade aus der Perspektive eines gläubigen Christen werden diejenigen, die Dostojewskis Meisterwerk gelesen haben, vermutlich verstehen, was ich damit meine. Dennoch steht Krieg und Frieden für mich nur knapp dahinter. Meiner Meinung nach ist es sogar Tolstois stärkeres Werk als Anna Karenina, weil hier nicht nur ein großes Thema behandelt wird, sondern eine Vielzahl von Themen miteinander verwoben wird. Der Roman ist unglaublich facettenreich: Liebhaber gesellschaftskritischer Literatur kommen ebenso auf ihre Kosten wie Freunde großer Heldengeschichten, tragischer Liebesgeschichten oder philosophischer Fragen. In diesem Buch gibt es kaum etwas, das es nicht gibt. Und genau deshalb ist Krieg und Frieden für mich eine uneingeschränkte Empfehlung.






























