Bedrückend
Manchmal ist die Zeit für ein Buch einfach noch nicht reif. Bei Kay Dicks “Sie - Szenen des Unbehagens” war das definitiv der Fall. In den 1970er-Jahren erschienen, sorgte der Roman kaum für Aufmerksamkeit. Und wenn, dann war sie eher negativ. Man konnte mit dem Plot nicht so viel anfangen. Verwunderlich ist das nicht. Damals begann ja schließlich erst der Trend, sich mit künstlerischen Prozessen individuell auszudrücken. Kunst war nicht mehr nur den Künstlern vorbehalten, sondern hielt im gängigen Privathaushalt Einzug. Und dann kommt da diese Autorin, Journalistin und Literaturkritikerin daher und spinnt eine Geschichte zusammen, in der die Gesellschaft halt eben homogen und nicht individualistisch sein soll. Für ein besseres Miteinander. “Sie” nehmen der Gesellschaft Bücher, Bilder, Tanz und Musik weg. Romane verschwinden, Maler werden geblendet, Sängern wird die Stimme genommen. In den 1970ern wollte diesen starken Tobak niemand lesen. Hoffentlich ist die Zeit jetzt reif für diesen Roman, der nun auch erstmals in deutscher Sprache erscheint. Wobei die Definition Roman so eine Sache ist. Als roten Faden hat man hier eine namenlose Ich-Erzählerin, die selbst Schriftstellerin ist. In einzelnen kleinen Episoden und Begegnungen berichtet sie davon, was “Sie” anrichten, wie “Sie” die Kunst vernichten. Jedes Kapitel ist eine Geschichte für sich, funktioniert auch ohne die anderen. Das letzte Kapitel wurde einst sogar als eigenständige Kurzgeschichte veröffentlicht. Gemeinsam bilden die Geschichten dann aber doch eine Gesamtgeschichte, einen Roman. Und zwar einen, der eindringlicher nicht sein kann. Mit ruhiger und unaufgeregter Sprache (sehr gelungen von Kathrin Razum übersetzt) schildert Kay Dick hier, wie die individuellen künstlerischen Ausdrucksmöglichkeiten durch eine anonyme Masse, die am Anfang noch nicht einmal die Mehrheit bildet, ausgemerzt werden. Man findet Künstler, die aufgeben; Künstler die sich mutig entgegenstellen. Und auch Künstler, die andere Künstler verraten. Das ist schon enorm eindringlich. Ohne moralinsauren Zeigefinger. Genau das macht für mich dann auch die Stärke dieser extrem düsteren Zukunftsvision aus. Ein großartiges Buch, das jetzt hoffentlich die Aufmerksamkeit erhält, die es meiner Meinung nach verdient. * #Sie wurde mir von #NetGalleyDE als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

