Bei diesem Titel aus dem aktuellen Programm des Atlantik Verlags hat mich primär das witzige Cover und der interessant klingende Klappentext angesprochen, „mal was Leichtes“, dachte ich mir noch. Da sollte ich noch mein blaues Wunder erleben, denn „leicht“ ist kein Adjektiv, das diesen Roman — oder diesen Wahnsinn — beschreibt! Sophie Bassignac nimmt uns in „Familiäre Verhältnisse“ auf einen Wochenausflug zu Pierre Réveillons zukünftigen-oder-vielleicht-auch-nicht Schwiegereltern mit, zu deren Beschreibung „exzentrisch“ noch harmlos klingt. Denn Isabelles Familie ist nicht so, wie Pierre sich das vorgestellt hat. Während sie ihre Familie als „liebenswert, charmant und eigensinnig“ bezeichnet, hält der streng und vernünftig erzogene Pierre es keine drei Tage mit den Pettigrews, Axilettes und Hivers aus, ehe er die Flucht ergreift. Nach Schlamm schmeckendes Essen, kuriose Gesprächsthemen, noch kuriosere Hobbys und dann noch ein Nacktbadestrand! Das ist dann doch wirklich zu viel des Guten. Dabei wollte er doch einfach nur den Segen der Familie, bevor er um Isabelles Hand anhält. Ob daraus noch etwas wird (aus dem Segen oder der Hochzeit?), ist unklar, aber Fakt ist, dass Pierre sich weder näher mit den Hühnern der Familie befassen mag und den Stier des Nachbarn auch nicht mehr so schnell wiedersehen möchte… Isabelle stand nackt vor dem Spiegel im Bad und flüsterte etwa zehn Mal „Isabelle Réveillon“, um sich an den Klang ihres künftigen Namens zu gewöhnen. Sie überlegte sich, dass ihre Kinder eine doppelte Staatsbürgerschaft haben und zwei Sprachen sprechen würden, eine rationale und eine magische. Was reichlich konfus und skurril klingt, ist in Wirklichkeit ein wahrhaft durchgeknalltes Buch — meine Zusammenfassung hält ihr Versprechen! Sophie Bassignac hat es geschafft, mich mit diesem 190 Seiten dünnen Band komplett auszulaugen, wobei das natürlich nicht nur negativ gemeint ist. Es ist schon unangenehm, den wohlerzogenen Pierre dabei zu begleiten, wie er die durchaus charmante und exzentrische Familie von seiner Liebe für Isabelle überzeugen will und dabei von einem Fettnäpfchen ins nächste tritt, die anderen dazu ihr Übriges unternehmen, ihn (unabsichtlich) immer wieder aufs Neue in ihm unangenehme Situationen zu bringen. Der nüchterne Pierre mit seiner eigenständigen Art, seinem ruhigen Wesen wird beim Familienbesuch nämlich nicht nur mit einer warmen, quirligen Art überrumpelt, sondern bekommt auch vor Augen geführt, was ihm bei seiner Erziehung gefehlt hat und er nun vermisst. Während Pierre seine kleine, überschaubare Familie immer für eine Art Familienunternehmen gehalten hat, in dem jeder seinen Beitrag zu leisten hat und keine Eskapaden jeglicher Art erwünscht sind und auch die Liebe zwischen seinen Eltern für ihn ein großes Tabu ist, lebt Isabelles Familie ihre Gefühle für jeden sichtbar aus. Sophie Bassignac erzählt mit einer leichten Sprache von Pierres „Schicksal“ bei der kunterbunten Familie, sodass man regelrecht in die Geschichte hineingesogen wird. Jedoch hatte ich das Gefühl (ähnlich wie Pierre), dass es mir ab ca. Seite 100 zu bunt wurde. Doch während Pierre einfach alles hinter sich lassen kann, habe ich natürlich weitergelesen, aber leider ist der Spannungsbogen doch sehr abgeflaut im letzten Drittel. Zwar hatte ich das Gefühl, mich mit Pierre verbündet zu haben, dennoch konnten die letzten Seiten die ersten nicht wett machen. Die Autorin hat ihr gesamtes Exzentrik-Pulver bereits zu Beginn des Buchs verschossen und wie eine lange Schnur, an der alles baumelt und sich verknotet, durchs Buch gezogen. Dass das Chaos gibt, kann man sich denken. Die vollständige Rezension findet ihr auf meinem Blog: https://killmonotony.de/rezension/sophie-bassignac-familiaere-verhaeltnisse
1. Okt.1. Okt. 2024
Familiäre Verhältnissevon Sophie BassignacAtlantik Verlag
