Anspruchsvoll und sehr aktuell
Ein Sommer, in dem die Welt immer mehr aus den Fugen gerät – unbarmherzige Kriege, unsägliche politische Debatten und immer passiert alles gleichzeitig, die Ereignisse im persönlichen Umfeld parallel zum Weltgeschehen und erschüttern unser aller Weltbild und Selbstbild – auch Navid Kermani ergeht das so. Alles hängt mit allem zusammen, das wird deutlich, private Ereignisse einerseits, das große Weltgeschehen andererseits. Aber er als freier politischer Schriftsteller versucht sich in Gesprächen, Reflektionen, Reisen zu orientieren und immer wieder das Versöhnliche zu finden, das ist erstaunlich, nicht von ungefähr wurde er bereits mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet. Als störend empfand ich allerdings die fehlende Gliederung im Text, es gibt keine Überschriften, keine Kapitel, nicht einmal gekennzeichnete Absätze oder ersichtliche Sinnabschnitte – ein einziger fließender Text, das machte mir das Lesen und Verarbeiten anstrengend. Trotzdem schafft Kermani es, die Widersprüche im Handeln der Menschen herauszuarbeiten, diese Gräuel und Grausamkeiten auszuhalten und trotzdem Nationen, Ethnien, Religionen… nicht vorzuverurteilen, sondern zu differenzieren und zu hinterfragen, das ist seine große Kunst. Ein kluger Autor mit einem anspruchsvollen Text, immer reflektierend, nie mit erhobenen Zeigefinger, sind doch Toleranz und Menschlichkeit für ihn Werte, die er immer und überall zu finden und zu wahren versucht.




