2. Aug.
Bewertung:4

In der Ich-Perspektive wird aus Therapeut*innensicht der Verlauf von Psychoanalysen von vier Fallbeispielen nacherzählt. Allgemein: * Der Schreibstil ist sehr angenehm. Ich hab richtig mitgefiebert, ob tatsächlich über die Jahre eine Veränderung bei den Patientinnen eintreten wird. Vielleicht weil ich mir die Frage, inwieweit sich Menschen verändern können, eh immer wieder stelle. *Da die Geschichten von verschiedenen Therapeut*innen stammen, aber nur von zwei niedergeschrieben und die Fallbeispiele natürlich auch anonymisiert wurden, bleiben ein paar Zweifel darüber, wie konstruiert die Erzählung streckenweise ist. Allerdings hatte ich nie das Gefühl, dass die Psychoanalyse als Allheil-Mittel oder so verkauft werden soll, im Gegenteil, es wurde immer hinterfragt, inwieweit sie nun wirklich etwas bewirkt hat. Was ich mitnehme: * Was die Therapieform auszeichnet- das ist vor allem Zeit. Anstatt schnell und pragmatisch Coping-Tipps zu geben, wird in Gesprächen über hunderte von Stunden versucht auf den Grund der Probleme zu gelangen. Verhaltensmuster oder Überzeugungen, die über Jahre Wurzeln geschlagen haben, können nicht über Nacht aufgerissen werden. * In der Psychoanalyse gilt der Satz: alles was wir in unserer Geschichte nicht bewältigt haben, ist zur Wiederholung verdammt. Dahinter steht auch das Muster von Übertragung und Gegenübertragung: „Gefühlserbschaften“ aus prägenden Beziehungen lassen uns in bestimmten Situationen auf eine gewisse Art handeln. Begegnen wir neuen Personen z.B. mit Misstrauen, reagieren sie ebenfalls negativ, dadurch fühlen wir uns wiederum in unserem Verhalten bestätigt usw.. U.a. deshalb reflektiert in der Psychoanalyse der Therapeut auch immer sein Verhalten während der Sitzungen und das Gefühl, das ihm sein Gegenüber vermittelt. Ich fand es spannend zu lesen, wie aufschlussreich das sein kann.

Mein größtes Rätsel bin ich selbst
Mein größtes Rätsel bin ich selbstvon Cécile LoetzHanser, Carl
28. Juni
Bewertung:5

Cécile Loetz und Jakob Müller sind mit ihrem Podcast zur Psychoanalyse bekannt geworden und haben jetzt mit "Mein größtes Rätsel bin ich selbst" (2023) auch ein Buch zum Thema veröffentlicht. Darin sprechen sie selbst an, dass die Psychoanalyse auf den ersten Blick aus der Zeit gefallen scheint. Das nicht nur wegen einiger befremdlicher Ansichten Freuds, sondern auch weil die Psychoanalyse - mehr noch als andere Therapieformen - viel Zeit und Geduld aller Beteiligten erfordert. Mit ihrem Buch beweisen die Autor*innen aber, dass sich die Psychoanalyse mit den gesellschaftlichen Veränderungen gewandelt hat und es berechtigt ist, dass sie auch heute von den gesetzlichen Krankenkassen finanziert wird. Anhand einzelner Fallgeschichten erzählen Loetz und Müller aus der psychotherapeutischen Praxis. An Büchern dieser Art stört mich häufig, dass ein weiser älterer Therapeut den Leser*innen die Psyche eines Menschen zu erklären scheint. Loetz und Müller machen dagegen sehr deutlich, dass der therapeutische Prozess individuell und auf Augenhöhe abläuft. Die Therapeutin hat zwar spezielles Fachwissen und eine gewisse Erfahrung, im konkreten Fall geht sie aber mit dem Patienten auf eine individuelle Reise ins Ungewisse. Passend zur Therapieform nehmen Loetz und Müller sich viel Zeit für die einzelnen Fallgeschichten. Gerade das macht das Buch für mich so besonders. Selten konnte ich mich in einem Buch dieses Formats derart gut in das einzelne therapeutische Setting einfühlen. Insgesamt erzählt das Buch vier Fallgeschichten, die wohl recht repräsentativ für Lebensgeschichten von Menschen in Deutschland sind. Besonders eindrücklich ist die Geschichte einer vor dem syrischen Bürgerkrieg geflüchteten Familie. Aber auch die anderen, weniger ausgewöhnlichen Lebensgeschichten sind komplex, interessant und voller emotionaler Höhen und Tiefen. Beim Lesen habe ich Mitgefühl für alle Patient*innen entwickelt, ohne dass eine Lebensgeschichte durch das Leid der anderen relativiert worden wäre. Die Autor*innen erzählen sie auf eine einfühlsame und sehr verständliche und zugängliche Weise

Mein größtes Rätsel bin ich selbst
Mein größtes Rätsel bin ich selbstvon Cécile LoetzHanser, Carl