10. Juni
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Bewertung:4

Wer verstehen möchte, warum mir Mein eiserner Vorhang von Nikita Afanasjew so gut gefällt, muss zunächst den Autor verstehen. Nikita Afanasjew wurde 1982 in der damaligen Sowjetunion geboren und kam 1993 als Kind nach Deutschland. Seine Mutter ist deutschstämmig, sein Vater Russe. Familie und Freunde verteilen sich bis heute auf beide Seiten jener politischen und kulturellen Trennlinie, die Europa seit dem russischen Angriff auf die Ukraine noch tiefer spaltet. Als Reporter bereiste Afanasjew die Welt. Für sein aktuelles Buch folgt er dem neu entstandenen Eisernen Vorhang quer durch Europa – von der russischen Siedlung Barentsburg auf der norwegischen Insel Spitzbergen über die Republik Moldau bis an die grüne Grenze zwischen Polen und Belarus. Er schreibt über Menschen. Über Leidtragende und Propagandisten des russischen Angriffskrieges. Über Geflüchtete und Fluchthelfer. Über Menschen, die geografisch und ideologisch weit voneinander entfernt sind – und dennoch Teil derselben Geschichte. Es sind Menschen, deren Lebenswege schwer auszuhalten sind. Er beschönigt nichts, verweigert sich aber der Versuchung, Menschen auf eine einzige Rolle festzulegen. Ein Gespräch mit einem ehemaligen Mitglied der Söldnergruppe Wagner ist dafür ein Beispiel. Afanasjew begegnet einem Menschen, dessen Biografie von Gewalt, Traumata und Fehlentscheidungen geprägt ist. Er verklärt ihn nicht. Er verurteilt ihn aber auch nicht vorschnell. Stattdessen zeigt er die unbequeme Wahrheit, dass Menschen gleichzeitig Täter und Opfer sein können. Und dass man nicht automatisch ein besserer Mensch wird, nur weil man desertiert oder sich von früheren Entscheidungen lossagt. Genau das liebe ich an Afanasjews Reportagen. Er hört zu, wo andere längst urteilen würden. Eine Neugier, die vielleicht daraus entsteht, dass er sein Leben lang zwischen den Stühlen saß. Aber es sind und bleiben zwei Stühle eines Zuhauses. Ein spannendes Buch.

Mein Eiserner Vorhang
Mein Eiserner Vorhangvon Nikita Afanasjewbtb