Aber hier in dem chinesischen Garten muss sie anscheinend keine solchen Rücksichtnahme nehmen. Fühlt Großmutter sich in Hongkong frei? Ich habe meine Zweifel. Frei? Ich glaube nicht, dass sie in solchen Kategorien denkt. Sie muss so viele Rücksichten nehmen, dass sie damit kämpft, ihren Platz zu finden. Das Leben in der Fremde zehrt schon an ihren Kräften. Ich stelle mir vor, dass sie von Zeit zu Zeit eine leichte Melancholie befällt. Ob sie sich deshalb einen Hund zugelegt hat? Aber vor allem ist das Warten eine Belastung. Ihr Mann, Großvater, ist die meiste Zeit mit der Protector auf See, die Einsätze bergen viele Gefahren. Jeder Abschied ist ein möglicher Tod. Bis zu seiner Rückkehr ist sie Witwe. Kann man sich an so etwas gewöhnen? - Zitat, Seite 103 Der Autor Lars Saabye Christensen nähert sich in diesem Werk seiner Familiengeschichte väterlicherseits an. Ausgehend von einem Besuch bei seinem sterbenden Vater, der mit fast 90 Jahren auf die Merkwürdigkeit der Uhr im Zimmer hinweist, reist der norwegische Schriftsteller in Gedanken in die Vergangenheit und spürt schließlich einer Reise nach, die seine dänische Großmutter Anfang des 20. Jahrhunderts ganz allein von Dänemark nach China führte. Erinnerungen folgen keiner chronologischen Reihenfolge und so wirkt es auch hier sehr natürlich, wenn der Autor immer wieder mal einen Sprung macht und Szenen aus einer anderen Zeit schildert, wie noch auf der vorausgegangen Seite oder Kapitels des Buchs. Die Annäherung an seine geliebte Großmutter erfolgt ganz sachte und mit Bedacht. Gegenstände, Fotografieren, Briefe und andere Zeugnisse der Vergangenheit regen die Fantasie des Betrachters an und werden, wenn möglich in den zeitlichen Kontext gebracht und mit dem Wissen über die früheren Zeiten ergänzt. Durch den nahbaren Schreibstil und der Angewohnheit des Schriftstellers, eigene Schlussfolgerungen zu hinterfragen, holt er den Lesenden ab. Man hat das Gefühl, mit dem Erzähler auf eine gemeinsame Entdeckungsreise zu gehen. Dabei ist einem bewusst, dass diese Familiengeschichte ganz individuell ist, aber so sehr sie sich von der eigenen Welt unterscheiden mag, so erscheinen viele Gefühle und Gedanken, die im Buch thematisiert werden, doch vertraut. Was man jedoch nicht erwarten sollte, ist hier ein Gesellschaftsportrait zu finden. Der Buchtitel verleitet vielleicht dazu, Schilderungen zum Leben in China zur Kolonialzeit zu suchen, aber auch wenn es einzelne Szenen gibt, wie sich der Autor den Alltag seiner Großmutter dort vorstellt, machen diese nur einen Bruchteil des Werkes aus. Der Schwerpunkt des Buches liegt definitiv woanders. FAZIT Seit Beginn seiner schriftstellerischen Karriere wollte der Autor einen Roman über die Reise seiner Großmutter von Kopenhagen nach Hongkong schreiben, aber schließlich stellt er auf Seite 67 fest: Nur das Unangetastete ist makellos. Und so habe ich nach und nach meinen Frieden geschlossen und denke mir, dass es so sein muss: Der Schriftsteller geht immer mit dem Roman schwanger, den er nie schreiben wird. Vielleicht bleiben die besten Geschichten weiterhin in uns. Aber dieses berührende Portrait von Lars Saabye Christensen macht Lust, mehr von ihm zu entdecken. Klare Leseempfehlung.
23. Jan.23. Jan. 2025
Meine chinesische Großmuttervon Lars Saabye Christensenbtb
