
"Unentschieden formte das Wasser Messerwellen, Schieferwellen, hier und dort ein bisschen Gischt."
Dieses Buch hat sich lesen lassen wie gefrorener Nebel: wunderschön anzusehen, atmosphärisch dicht, manchmal beinahe schwerelos – und doch entglitt es mir beim Lesen immer wieder zwischen den Fingern. Genau darin liegt wohl auch mein Zwiespalt, weshalb ich am Ende bei 1,5 Sternen gelandet bin. Dabei wollte ich dieses Buch eigentlich mögen. Die Grundidee klang wie geschaffen für einen stillen, melancholischen Roman: Eine einsame Fotografin reist auf einem Expeditionsschiff durch die Arktis, zwischen Eisfeldern, Nebel, schweigenden Landschaften und einer Reisegesellschaft voller skurriler Menschen. Die äußere Reise wird zur inneren. Verlust, Einsamkeit, Orientierungslosigkeit – all das schwingt unter der Oberfläche mit. Und sprachlich kann Weitholz ohne Zweifel schreiben. Manche Sätze funkeln wie Eiskristalle im Polarlicht. Ihre Beobachtungen haben Witz, ihre Naturbeschreibungen besitzen eine fast malerische Qualität. Gerade die Schilderungen der Arktis wirken oft weniger wie Prosa, sondern wie Aquarelle aus Worten. Aber Schönheit allein trägt für mich keinen Roman. Das größte Problem war für mich die emotionale Distanz. Die Erzählerin bleibt seltsam ungreifbar – absichtlich, sicherlich –, doch irgendwann fühlte sich diese Zurückhaltung nicht mehr literarisch fein, sondern schlicht leer an. Ich habe ständig darauf gewartet, dass das Buch mich hineinzieht, dass unter der Eisdecke endlich etwas aufbricht: ein Schmerz, eine Erkenntnis, eine echte Erschütterung. Stattdessen blieb vieles in Andeutungen stecken. Das Buch kreist um existentielle Themen, doch es wagt sich selten wirklich hinein. Es nimmt eine beobachtende Position ein. Vielleicht ist genau das die Absicht gewesen: diese nordische Kühle, dieses Schweben zwischen Nähe und Isolation. Aber für mich entstand dadurch kaum emotionale Bindung. Die Figuren an Bord – Influencer, Kreuzfahrtgäste, Intellektuelle – wirken oft eher wie Karikaturen oder flüchtige Skizzen als wie Menschen aus Fleisch und Blut. Man betrachtet sie wie vorbeiziehende Eisberge: interessant geformt, aber fern. Und irgendwann hatte ich das Gefühl, dass auch die Erzählerin selbst lieber beobachtet als fühlt. Hinzu kommt das Tempo. Oder vielleicht besser gesagt: die Abwesenheit davon. Dieses Buch verweigert klassische Spannung beinahe demonstrativ. Schon früh macht der Text klar, dass hier kein großes Drama wartet. Kein Abenteuerroman, keine Katastrophe, keine spektakuläre Selbstfindung. Das kann mutig sein – oder unerquicklich. Für mich kippte es leider oft ins Zähe. Viele Gedanken wiederholen atmosphärisch dieselbe Stimmung: Müdigkeit, Melancholie, Entfremdung. Das erzeugte zwar eine konsequente Tonlage, aber irgendwann auch Monotonie. Und doch: Ganz kaltgelassen hat mich das Buch nicht. Dafür ist Weitholz sprachlich zu talentiert. Es gibt Passagen, die tatsächlich nachhallen. Momente, in denen die Einsamkeit der Arktis plötzlich mit der inneren Leere der Erzählerin verschmilzt und der Roman für einen Augenblick genau die Tiefe erreicht, die ich mir die ganze Zeit gewünscht hätte. Auch der Gedanke des „Beinahe-Ankommens“ als Lebensgefühl besitzt etwas sehr Wahres und Trauriges. Vielleicht war mein größter Konflikt mit diesem Buch also nicht, dass es schlecht wäre – sondern dass ich ständig das Gefühl hatte, darin stecke ein viel stärkerer Roman verborgen. Einer, der mutiger und emotionaler wird. Einer, der seine Figuren nicht nur streift, sondern wirklich berührt. Einer, der nicht nur über Leere schreibt, sondern sie auch durchbricht. So blieb für mich am Ende vor allem Bewunderung für die Sprache – aber kaum Liebe für die Geschichte. Und ein Roman, der sich wie Eislandschaften anfühlt, sollte einen vielleicht frieren lassen. Mich allerdings ließ er vor allem auf Distanz zurück. ♡♡♡ "Wie schön es sein kann, wenn man erkennt, dass es manchmal klug ist, sich von der Suche nach dem Pfekten im Leben zu verabschieden."


















