
Für Fans von Sophies Welt „Der Mitternachtszug bietet dir die Gelegenheit, dein eigenes Leben im Rückblick so wahrheitsgemäß wie möglich zu beurteilen. Sodass du dich, wenn du in die Ewigkeit eingehst, selbst ganz und gar verstehst.“ (S. 73) Wilbur ist 81 Jahre alt, als er stirbt, und sein Leben ganz anders verlaufen, als er es sich einst vorgestellt hatte. E wurde zwar viel erfolgreicher, als er je zu träumen gewagt hätte, doch der berufliche Erfolg hatte seinen Preis: Er stellte seine Arbeit über seine große Liebe Maggie und wurde mit den Jahren immer einsamer. Zu seinem Erstaunen endet mit dem Tod jedoch nicht alles. Stattdessen findet er sich auf einem verlassenen Bahnsteig im Nirgendwo wieder, mit einer Fahrkarte für den Mitternachtszug. Außerdem ist er plötzlich wieder jung und fühlt sich lebendiger als seit Jahrzehnten. Eine weitere Überraschung ist seine Zugbegleiterin: Agnes Bagdale, in deren Buchhandlung er als Kind sehr viel Zeit verbracht hat. Gemeinsam reisen sie noch einmal durch die wichtigsten Stationen seines Lebens, die besonders schönen, aber auch besonders traurigen. Dabei wird Wilbur zunehmend klar, welche Entscheidungen ihn auf seinen Lebensweg geführt haben und welche Fehler er gemacht hat. Eigentlich darf er sein jüngeres Ich nur beobachten, doch gegen Agnes’ ausdrücklichen Rat versucht er, Einfluss auf die Vergangenheit zu nehmen. Aber was geschieht, wenn er tatsächlich etwas verändert? Welche Auswirkungen hätte das auf seine Gegenwart und auf die Menschen, die sein Leben geteilt haben? „Welche Ironie, dass man nur einen Augenblick braucht, um zu sterben, aber ein ganzes Leben, um zu lernen, wie man lebt.“ (S. 210) „Die Mitternachtsreise“ hat mich sehr an „Sophies Welt“ erinnert. Matt Haig beschäftigt sich mit philosophischen Fragen wie: Was ist Realität? Was ist Zeit? Wie sollte man sein Leben führen? Welche Entscheidungen bereut man, und welche Konsequenzen muss man tragen? Dabei regt er immer wieder dazu an, über das eigene Leben und die eigenen Prioritäten nachzudenken. Die Handlung verläuft bewusst ruhig. Während der Zugfahrt zieht Wilburs Leben außen an den Fenstern vorbei; an den entscheidenden Wegmarken steigen er und Agnes aus, um die Ereignisse nochmal mitzuerleben. Dabei gelten klare Regeln: Wilbur darf nicht eingreifen, keinen Kontakt aufnehmen und nicht anwesend sein, wenn sein jüngeres Ich schläft. Doch je deutlicher ihm seine Versäumnisse und Fehlentscheidungen vor Augen geführt werden, desto stärker wird sein Wunsch, die Vergangenheit zu korrigieren. Das Buch ist melancholisch, aber zugleich warmherzig und hoffnungsvoll. Es lädt dazu ein, über verpasste und zweite Chancen, über Liebe und Familie, Freundschaft und Zusammenhalt nachzudenken. „Vielleicht will jeder von uns einfach irgendwo dazugehören. Und ich glaube, … das Traurige an den Menschen ist, dass man, um dazuzugehören, immer irgendwo jemanden ausschließen muss.“ (S. 180) Besonders gefallen hat mir die Entwicklung, die Wilbur im Laufe der Geschichte durchmacht. Obwohl ihm schon zu Lebzeiten bewusst war, welche Fehler er begangen hatte, versteht er erst im Rückblick wirklich, an welchen Weggabelungen er falsch abgebogen ist und welche Entscheidungen sein Leben nachhaltig geprägt haben. Seine Erkenntnisse wirken glaubwürdig und berührend. Wer philosophische Gedankenspiele, eine Prise Magie und Geschichten über die großen Fragen des Lebens mag, wird sich auf diese Reise gerne einlassen. Für mich ist „Die Mitternachtsreise“ eine nachdenkliche und emotionale Lektüre, die noch lange nach dem Zuklappen des Buches nachwirkt.
























































