Ein rasanter Justizthriller mit perfidem moralischem Dilemma und reichlich Plot-Twists.
Eine unmögliche Wahl zwischen Berufsethos und dem Schutz der eigenen Familie Neve Harper ist die beste Strafverteidigerin Londons – brillant, ehrgeizig, erfolgreich. Sie übernimmt den Fall des Geschäftsmanns Wade Darling, dem vorgeworfen wird, seine Frau und seine beiden Kinder im Schlaf ermordet zu haben. Die Indizien sprechen erdrückend gegen Wade. Trotzdem ist Neve überzeugt, seine Unschuld beweisen zu können, und der Fall könnte der größte Triumph ihrer Karriere werden. Doch kurz vor Prozessbeginn erhält Neve eine unmissverständliche Botschaft: Wenn sie nicht will, dass ihr dunkelstes Geheimnis ans Licht kommt, muss sie Wades Fall verlieren. Plötzlich steht alles auf dem Spiel – ihre Karriere, ihre Freiheit und vor allem die Sicherheit ihrer Stieftochter Hannah. Neve steht vor einer unmöglichen Wahl: Soll sie ihren Mandanten und ihr berufliches Ethos verraten, einen möglicherweise Unschuldigen ins Gefängnis bringen, um sich und Hannah zu schützen? Oder kämpft sie für die Wahrheit und riskiert dabei alles, was sie liebt? Jack Jordan trägt seinen Beinamen „Meister des moralischen Dilemmas“ zu Recht – das wurde mir bei diesem Buch schnell klar. Die zentrale Zwickmühle ist perfide konstruiert: Neve muss zwischen ihrem Berufsethos, jeden Mandanten bestmöglich zu verteidigen, und dem Schutz ihrer Familie wählen. Es gibt keine saubere Lösung, keinen Ausweg ohne Verlust. Genau diese ausweglose Konstellation hat mich von der ersten Seite an gefesselt. Was das Buch so stark macht: Man fragt sich beim Lesen ständig, was man selbst tun würde. Würde ich einen möglicherweise Unschuldigen opfern, um mein Kind zu schützen? Würde ich für die Wahrheit kämpfen, auch wenn es alles kostet? Jordan zwingt einen, mitzudenken, mitzuleiden, sich zu positionieren. Diese moralische Sogwirkung ist es, die „Die Schlafwandlerin“ über den durchschnittlichen Justizthriller hinaushebt. Jordan schreibt rasant, pointiert und mit einem perfekten Gespür für Spannung. Das Buch ist ein echter Pageturner – die Kapitel sind kurz, das Tempo hoch, die Cliffhanger sitzen. Ich habe „Die Schlafwandlerin“ in wenigen Tagen verschlungen, weil ich einfach wissen musste, wie Neve aus dieser unmöglichen Lage herauskommt. Die deutsche Übersetzung von Sigrun Zühlke ist flüssig und behält das hohe Tempo des Originals bei. Als jemand, der vorher noch nichts von Jack Jordan gelesen hatte, war ich überrascht, wie souverän er die verschiedenen Erzählstränge verwebt. Man bekommt häppchenweise Informationen, immer genug, um weiterzulesen, aber nie genug, um die Auflösung vorherzusehen. Das ist Thriller-Handwerk auf hohem Niveau und ein perfekter Einstieg in das Werk dieses Autors. Neve ist eine faszinierende, ambivalente Hauptfigur. Sie ist brillant und ehrgeizig, aber auch von ihrem dunklen Geheimnis gezeichnet. Jordan macht es einem nicht immer leicht, sie zu mögen – ihre Handlungen rund um ihr Geheimnis sind teilweise fragwürdig, manchmal sogar schwer nachvollziehbar. Aber genau das macht sie menschlich und glaubwürdig. Sie ist keine strahlende Heldin, sondern eine Frau in einer ausweglosen Situation, die nicht immer richtig handelt. Besonders berührt hat mich ihre Beziehung zu ihrer Stieftochter Hannah. Die Bedrohung von Hannahs Sicherheit ist der eigentliche emotionale Kern des Buches und der Grund, warum Neves Dilemma so unter die Haut geht. Es geht nicht nur um Karriere oder Ruf, sondern um den Schutz eines Kindes. Diese emotionale Dringlichkeit treibt die Geschichte mit voran. Was ich an „Die Schlafwandlerin“ besonders schätze: Jordan nutzt das Gerichtssetting clever. Die Frage nach Schuld und Unschuld, die Mechanismen der Strafverteidigung, das Spannungsfeld zwischen Wahrheit und Verteidigungsstrategie – all das gibt dem Thriller eine intellektuelle Ebene, die über reine Action hinausgeht. Wer Justizthriller im Stil von Steve Cavanagh oder John Grisham mag, wird hier abgeholt. Der Fall selbst, ein Mann, der angeblich seine Familie im Schlaf ermordet hat, ist düster und fesselnd. Die Indizien sprechen gegen ihn, und doch nagt der Zweifel. Diese Unsicherheit, ob Wade nun schuldig ist oder nicht, hält die Spannung bis zum Schluss. Man rätselt mit Neve mit, verdächtigt, verwirft, verdächtigt erneut. Ohne zu spoilern: „Die Schlafwandlerin“ ist randvoll mit Wendungen. Jordan legt falsche Fährten, dreht die Erwartungen immer wieder um, überrascht mit Enthüllungen, die das Bild komplett verändern. Gerade im letzten Drittel überschlagen sich die Ereignisse – ich konnte das Buch nicht mehr aus der Hand legen. Die Auflösung hat mich überzeugt, auch wenn sie einen kräftig durchschüttelt. Genau diese Dichte an Twists ist Jordans Markenzeichen. Wer Thriller liebt, bei denen man bis zum Schluss nicht weiß, wie sie ausgehen, ist hier goldrichtig. Ich habe mehrmals geglaubt, die Lösung zu kennen, und lag jedes Mal daneben. Ganz ehrlich, ein kleiner Vorbehalt: Das titelgebende Thema „Schlafwandeln“ wird im Buch nicht so zentral behandelt, wie der Titel vermuten lässt. Es spielt eine Rolle, aber eher am Rande. Wer wegen des Titels einen Thriller erwartet, der sich ganz um Schlafwandeln dreht, könnte leicht überrascht sein. Mich hat das nicht gestört, weil die eigentliche Geschichte – das moralische Dilemma und die Erpressung – stark genug ist, um das ganze Buch zu tragen. Aber es ist ein Punkt, den man kennen sollte. Für mich überwiegen die Stärken so deutlich, dass es bei der vollen Sternzahl bleibt. Mein Fazit: „Die Schlafwandlerin“ ist ein rasanter, intelligenter Justizthriller, der mit einem perfiden moralischen Dilemma und reichlich Plot-Twists überzeugt. Jack Jordan beweist, warum er als „Meister des moralischen Dilemmas“ gilt – er zwingt seine Leser:innen, sich zu fragen, was sie selbst tun würden. Als mein erster Jordan hat mich das Buch absolut überzeugt. Trotz des etwas irreführenden Titels ein rundum gelungenes Buch. Ich werde definitiv auch sein deutsches Debüt „Die Herzchirurgin“ nachholen – diese Mischung aus Spannung und ethischer Zwickmühle hat mich neugierig auf mehr gemacht. Empfehlenswert für Fans intelligenter Justiz- und Psychothriller wie Steve Cavanagh, Julie Clark, Gillian McAllister oder John Grisham. Für alle, die Thriller mit moralischer Tiefe und einer unmöglichen Wahl im Zentrum lieben. Auch ein perfekter Einstieg in Jack Jordans Werk – wer ihn hier entdeckt, hat mit „Die Herzchirurgin“ gleich das nächste Buch parat. Eher nichts für Leser:innen, die mit dem Thema Familienmord oder Gewalt gegen Kinder emotional nicht umgehen können, oder die wegen des Titels einen Thriller erwarten, der sich vorrangig um Schlafwandeln dreht. Wer ruhige, langsam erzählte Spannung bevorzugt, sollte wissen: „Die Schlafwandlerin“ ist ein rasanter Pageturner mit hohem Tempo.

































