
Familiengeschichte mit viel Weltreise, aber wenig emotionaler Nähe
Michael Hugentoblers "Bis die Bären tanzen" erzählt die Geschichte der Familie Lieber, die zwischen der Schweiz, Brasilien, Australien und Deutschland über Jahrzehnte hinweg ihren Platz im Leben sucht. Laut Klappentext erwartet einen ein außergewöhnlicher Liebes- und Familienroman voller Fantasie, Sehnsucht, Freiheit und großer Gefühle vor dem Hintergrund des Ersten Weltkriegs, der NS-Zeit und der Jahrzehnte danach. Für mich klang das nach einer vielschichtigen Familiensaga mit historischen Bezügen und bewegenden Schicksalen. Bekommen habe ich leider etwas ganz anderes. Sorry, aber ein literarisches Juwel war das für mich auf keinen Fall. Schon der Einstieg fiel mir unglaublich schwer. Es werden so viele Namen eingeführt, dazu unzählige Details und Beschreibungen, bei denen ich oft nicht wusste, warum sie gerade wichtig sein sollen. Gleichzeitig fehlen klare Zeitangaben fast vollständig. Stattdessen hangelt man sich an kleinen Schnipseln des Zeitgeschehens entlang und versucht herauszufinden, wie viel Zeit inzwischen eigentlich vergangen ist. Das hat für mich das Lesen unnötig anstrengend gemacht. Auch der Schreibstil war sehr gewöhnungsbedürftig. Mal wirkte er beinahe sprunghaft, dann wieder verlor er sich in Nebensächlichkeiten. Dadurch kam bei mir nie wirklich ein Lesefluss auf. Des Weiteren gab es zu viele belanglose Details, einige Entwicklungen werden vorweggenommen oder angedeutet, bevor sie überhaupt ihre Wirkung entfalten können, und letztlich wird immer nur ein Ausschnitt aus dem Leben der Geschwister beleuchtet. Vieles wirkt wirr, zerfasert und durcheinander. Statt einer großen Familiengeschichte bekam ich eher das Gefühl, einzelnen Episoden beizuwohnen, die nie ein wirklich stimmiges Ganzes ergeben. Auch der Klappentext hat bei mir Erwartungen geweckt, die das Buch kaum erfüllt hat. Besonders der Verweis auf die NS-Zeit spielte für mich eine deutlich kleinere Rolle als erwartet. Abgesehen von wenigen Passagen rund um Jacob blieb dieser Aspekt überraschend blass. Das Ende hat meinen Eindruck leider nicht verbessert. Es wirkte eher ernüchternd und ließ mich ratlos zurück. Viele Fragen bleiben offen, ohne dass ich das Gefühl hatte, dies sei bewusst oder besonders kunstvoll gelöst worden. Mehr möchte ich dazu nicht sagen, um niemanden zu spoilern. Besser hingegen waren dann tatsächlich die Kapitel, die sich jeweils auf eines der Geschwister konzentriert haben. Dort war die Handlung greifbarer, die Figuren bekamen mehr Raum und auch der Stil wirkte auf mich deutlich angenehmer. Leider konnte das den Gesamteindruck aber nicht mehr retten. Mega fand ich nachfolgende Passage: „Das Problem jeder Familie, egal, wie perfekt oder unperfekt sie erscheinen mag, beruht auf der Erwartung, all diese Menschen müssen sich jederzeit miteinander vertragen. Dabei wäre es viel einfacher, die Familie als losen Verband von Individuen zu sehen, die mal dicke Freunde sind und mal eben nicht, ja die sich sogar abwenden. Auf diese Weise können wir uns eine Menge qualvolle Geburtstagsfeste, Weihnachtsfeiern und Hochzeiten ersparen.“ Ich habe das Buch als Buddyread mit vier anderen Mädels gelesen. Entweder wurde vorzeitig abgebrochen oder die Meinungen gingen in eine sehr ähnliche Richtung wie meine. Für mich war Bis die Bären tanzen leider weder besonders berührend noch fesselnd. Die wenigen starken Momente gingen in einer Flut aus Details, Zeitsprüngen und ausschweifenden Beschreibungen unter. Wer den ungewöhnlichen Stil mag, wird hier vielleicht mehr finden als ich. Mich hat die Geschichte jedoch nie wirklich erreicht.
