3. Okt.
Bewertung:2.5

Ich hatte mir von einem Historiker, der in den 90ern so grundlegende Forschung zum NS betrieben hat, auf ganzer Linie mehr erwartet: Mehr roten Faden, mehr Inhalt, der tatsächlich auch was mit dem Untertitel und künftiger Erinnerung zu tun hat, mehr Differenzierung und Ambivalenzen. So habe ich mich über weite Strecken schlicht für blöd verkauft gefühlt, denn wenn der einzige Tipp ein habermasianischer Bildungsgedanke für die Jugend ist, obwohl wir wissen, dass reine rationale Bildung Ressentiments nicht verhindert, wenn der Fokus null auf der Menge mittelalter Menschen liegt, die die AfD wählen und wenn so selektiv mit Forschung umgegangen und diese mit subjektiver Einstellung vermischt wird, dass ich mich als Kennerin einiger Debatten getäuscht fühle, ist echt viel schiefgelaufen. Und das ist vor allem schade, weils stellenweise echt wichtige Themen abdeckt, aber sich insgesamt eher liest wie eine lose und oberflächlich bleibende Assoziation & altbekannten Gemeinplätzen sowie Pauschalisierungen, die zu allem Überfluss auch kaum reflektiert werden.

Zukunft der Erinnerung
Zukunft der Erinnerungvon Wolfgang Benzdtv Verlagsgesellschaft
28. Mai
Erinnerung mit Ecken und Kanten – Kein Denkmal, sondern Muskeltraining
Bewertung:4

Erinnerung mit Ecken und Kanten – Kein Denkmal, sondern Muskeltraining

Wolfgang Benz hat mich mit seiner Mischung aus historischer Tiefenschärfe und gesellschaftspolitischer Klarheit direkt abgeholt. Der Mann schreibt nicht trocken und verstaubt, sondern eher wie ein Geschichtslehrer, der weiß, dass die Hälfte der Klasse lieber TikTok schaut – und trotzdem schafft, dass alle zuhören. Benz stellt unbequeme Fragen und gibt keine bequemen Antworten. Er lässt das Gedenken nicht als festgezurrte Pflichtübung durchgehen, sondern zerpflückt, was zur bloßen Folklore zu werden droht. Keine Angst, er predigt nicht – er provoziert sanft. Ich mochte besonders, wie er die Erinnerungskultur nicht heilig spricht, sondern ihr liebevoll in den Hintern tritt, damit sie sich weiterentwickelt. Die Bürokratisierung des Gedenkens? Trifft er voll ins Schwarze. Die ritualisierte Betroffenheits-Pose, die sich manche antrainiert haben? Wird gnadenlos durchleuchtet. Und trotzdem: kein Kulturpessimismus, sondern ein konstruktiver Schubser Richtung Zukunft. Klar, ab und zu wirkt der Ton etwas professoral und das Tempo zäh – da hätte ich mir mehr Flow und weniger Fußnote gewünscht. Aber hey, bei einem Thema wie dem Holocaust darf’s auch mal schwer im Magen liegen. Für mich ist das Buch eine Art Pflichtlektüre, aber nicht im Sinn von "Du musst", sondern "Du solltest wollen". Weil es nicht um Schuld geht, sondern um Verantwortung. Und die hört nicht mit dem letzten Zeitzeugen auf. Sie fängt da erst richtig an. Vier Sterne von mir – der letzte fehlt, weil mir ein bisschen mehr Feuer in der Sprache gefehlt hat. Inhaltlich aber top. Ein Buch, das sagt: Erinnern ist kein Denkmal, das einmal aufgestellt wird. Es ist ein Muskel – trainier ihn.

Zukunft der Erinnerung
Zukunft der Erinnerungvon Wolfgang Benzdtv Verlagsgesellschaft