22. Mai
Ein frischer Blick auf Thomas Manns Leben und Werk

Ein frischer Blick auf Thomas Manns Leben und Werk

Werke von Thomas Mann gibt es viele. Bücher über Thomas Mann sogar noch mehr. Warum also die Biografie „Thomas Mann – Ein Leben“ lesen? Weil Dr. Tilmann Lahme eine oft übersehene Seite des Ausnahmeschriftstellers in den Mittelpunkt rückt: seine Sexualität und ihren möglichen Einfluss auf Leben und Werk. Lahme konzentriert sich vor allem auf Thomas Manns frühe Jahre, seine Schulzeit, die ambivalente Beziehung zu Bruder Heinrich und die enge Brief-Freundschaft mit Otto Grautoff. Dabei zeigt er immer wieder mögliche homosexuelle Neigungen, die Mann zeitlebens unterdrückte und nur indirekt in Briefen, Tagebucheinträgen oder seinen Texten verarbeitete. Die letzten Lebensjahrzehnte kommen dadurch etwas kurz. Zu manchen Ereignissen und Familienmitgliedern hätte ich mir mehr Kontext gewünscht. Besonders interessant ist Lahmes Analyse von Manns Werk. Er liest Romane, Erzählungen und Novellen unter einem neuen Blickwinkel und macht sichtbar, wie viele homoerotische Codes sich darin finden lassen. Das ist spannend, ging mir persönlich stellenweise aber etwas zu weit. Denn so interessant dieser Fokus ist: Als alleinige Erklärung für Thomas Manns Leben und Werk greift er mir zu kurz. Lahmes Deutungen sind fundiert und anregend, aber vieles bleibt letztlich Spekulation. Wie ernst all die Anspielungen und Andeutungen tatsächlich gemeint sind, entzieht sich unserer Kenntnis. Thomas Mann hielt sein Innerstes meist lieber für sich und inszenierte sein öffentliches Leben sehr bewusst. Was ging in ihm vor? Wen liebte er wirklich? Und was war echt, was literarische Fiktion? Man kann sich ihm mit Forschung zwar annähern, ganz durchdringen lässt er sich aber wohl nie.

Thomas Mann
Thomas Mannvon Tilmann Lahmedtv Verlagsgesellschaft
19. Okt.
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Tillman Lahme hofft mit diesem Buch die Mann-Forschung aufzubrechen, die die Sexualität des Schriftstellers bis dato trivialisiert, relativiert oder als bloßen Biographismus abtut. Der große Clou des Buches ist ein Abdruck von zwei Briefen Manns an seinen Jugendfreund Otto Grauthoff, in denen es um Grauthoffs Konversionstherapie gehen, für die sich Mann sehr interessiert und zu der er ihm viel Mut zuspricht. Die Briefe zeigen wie die medizinischen Schriften zur Pathologisierung von Homosexualität das Denken der beiden jungen Männer prägt und wie sie aus dieser Sicht ihre eigene Sexualität wahrnehmen. Welche Rolle das in Manns Lebens spielt arbeitet Lahme in seiner Darstellung der Biographie gut heraus - auch wenn dabei zum einen die literarischen Texte Manns manchmal zu bloßen Illustrationen seines Lebens werden und zum anderen die restliche Biographie ebenfalls noch miterzählt werden muss (wsl. um das Buch als ganze Mann-Biographie verkaufen zu können), was durchaus langatmig daher kommen kann und den roten Faden verwischt. Eindrücklich aber ist die schwarze Doppelseite mit weißer Schrift, welche Sätzen aus Manns Tagebuch aufführt, die bei der Veröffentlichung gekürzt wurden und in denen es auch vor allem um Manns Sexualität geht.

Thomas Mann
Thomas Mannvon Tilmann Lahmedtv Verlagsgesellschaft
26. Aug.
Bewertung:5

Ich habe vor Jahren DIE BUDDENBROOKS sowie FELIX KRULL gelesen; DER ZAUBERBERG steht im Regal und lange auf meiner Liste. Zudem ist einem, durch die Nähe zu Lübeck (ich selbst bin gebürtiger Hamburger) und durch seinen Status als Literaturnobelpreisträger, Thomas Mann natürlich ein Begriff. Über sein Leben wusste ich bislang nichts Genaues; natürlich sind mir auch Heinrich und Klaus Mann ein Begriff. Nun dachte ich, zum THOMAS MANN JAHR sei es einmal an der Zeit, mehr über den großen Literaten zu erfahren; und nachdem ich kürzlich eine Biografie über Ernst Toller (EINE JUGEND IN DEUTSCHLAND) geradezu verschlungen habe, kam mir dieses kürzlich erschienene Buch von Tilmann Lahme gerade recht. In welcher Form hier mit der bisherigen Mann-Geschichte aufgeräumt wird, war mir vorher nicht bewusst. Thomas Mann in seiner unterdrückten Homosexualität zu erleben und seine Werke als literarischen Spiegel seines Leids interpretiert zu sehen, war schon sehr beeindruckend. Über längere Strecken fand ich es teilweise etwas zu viel (an Homosexualität und Homoerotik) - geradezu auf dieses Thema zentriert - und habe zunächst die nähere Betrachtung der Werke an sich vermisst; doch hat der Stil von Lahme mich dranbleiben lassen. Diese Biografie war für mich ein wahrer Pageturner - und schließlich wurden auch Manns Werke insofern beleuchtet, wie ich es erwartet habe. Auch, wenn man erleben muss, dass der große Literat - ein schlechter Schüler und Autodidakt - menschlich eher unsympathisch war (besonders sein Umgang mit Grautoff aber teils auch mit seiner Familie zeigen dies), beeindruckt sein Leben immens. Seine Einstellung zur eigenen Sexualität, sein Lebensweg (politisch, literarisch, familiär) - er hat es sich selbst und anderen nicht leicht gemacht. Und doch ist auch gerade der politische Weg sehr interessant - zunächst ein Skeptiker gegenüber der Demokratie, dann jedoch ein wahrer Verfechter derselben und ein absoluter Hitler-Gegner; später dann eher sozialistisch/kommunistische Einstellungen, die ihn unter anderem dazu bewegten, die USA wieder zu verlassen (in die er aus dem Nazi-Deutschland ins Exil gegangen war). Hier sei angemerkt, dass die Lektüre der genannten Ernst Toller Biografie hilfreich für das Verständnis der Zeit zwischen 1. Weltkrieg und Weimarer Republik war. Lahme belegt in einem eindrucksvollem Anhang (bisher ungedruckte Briefe, Tagebucheinträge etc.), dass die Mann-Forschung den großbürgerlichen Schriftsteller, „glücklich“ verheiratet, sechs (6!) Kinder, bislang eher falsch gezeichnet hat. Wie gesagt, der homosexuelle Aspekt (nicht nur Thomas, sondern viele seiner Kinder…) wird teilweise etwas sehr hoch aufgehängt; vielleicht aber geradezu notwendig, da bislang eher geleugnet bzw. verwässert. Ich habe die Biografie gern gelesen und werde weiteres zu und von Mann lesen. Beginnen werde ich mit dem Reread der BUDDENBROOKS - und mich dann weiter durch die Werke von Thomas Mann bewegen. Und auch eine weitere Betrachtung der Manns liegt bereit: THOMAS MANN UND DIE SEINEN von Reich-Ranicki (ich bin auf seine Sichtweise gespannt). Auf jeden Fall empfehle ich diese Biografie jedem Thomas Mann Fan und auch generell jedem, der gern Biografien liest.

Thomas Mann
Thomas Mannvon Tilmann Lahmedtv Verlagsgesellschaft
15. Aug.
Bewertung:3

Auf der einen Seite sehr interessant zu lesen, jedoch nicht viel Neues, das meiste war schon bekannt. Teilweise sehr langatmig geschrieben, wobei ich glaube, das sich das, bei dem komplexen Leben von Thomas Mann und auch eigentlich jedem Mitglied der Familie nicht vermeiden lässt. Wahrscheinlich hat Tillman Lahme da eine Meisterleistung hingelegt. Ein unbedingtes Muss für jeden der ein Fan der Literatur ist- es ist aber auch ein Stück deutscher Geschichte 🫶

Thomas Mann
Thomas Mannvon Tilmann Lahmedtv Verlagsgesellschaft
21. Juli
Zwischen Genie und Abgrund – ein Leben auf der Rasierklinge
Bewertung:5

Zwischen Genie und Abgrund – ein Leben auf der Rasierklinge

Ich dachte ja, ich wüsste schon einiges über Thomas Mann – Buddenbrooks, Zauberberg, Schnauzer, Krawatte, bürgerliche Würde deluxe. Tja. Denkste. Tilmann Lahme hat mit dieser Biografie das literarische Porzellanservice einmal komplett vom Tisch gefegt und durch ein sehr viel spannenderes, menschlicheres ersetzt. Ich hab das Buch regelrecht gefressen – und zwar mit Wonne! Hier geht’s nicht nur um den Literaturgott, sondern auch um den Mann hinter der Maske: einer, der mit sich selbst mehr Ringen veranstaltet hat als jeder griechische Halbgott in der Antike. Lahme serviert keine trockene Kost, sondern ein prall gefülltes Buffet aus privaten Abgründen, schrägen Familienkonstellationen und einer inneren Zerrissenheit, die fast schon romantisch ist – wenn sie nicht so weh tun würde. Ich meine: Mann liebt Männer, aber darf nicht. Mann heiratet Katia, hat sechs Kinder (sechs!!), schreibt Weltliteratur im Halbschlaf, flüchtet vor Hitler, wird im Weißen Haus empfangen – und ist trotzdem nie wirklich angekommen. Diese Mischung aus Genie und tragischem Held liest sich wie ein Roman, nur dass alles wahr ist. Und Lahme kriegt das Kunststück hin, das alles weder anbiedernd noch akademisch trocken zu erzählen. Stattdessen haut er einem mit feiner Klinge die Wahrheit um die Ohren. Besonders cool fand ich die Einblicke in die unveröffentlichten Briefe und Tagebuchstellen – da geht's wirklich ans Eingemachte. Und dann noch Susan Sontag aus dem Off – das ist wie Bonusmaterial bei einem richtig guten Film. Was bleibt? Ich hab Thomas Mann nach diesem Buch mehr verstanden, mehr bewundert und auch mehr bemitleidet. Ein Mensch aus Widersprüchen, Sehnsüchten, Anstand und Schmerz. Fazit: Diese Biografie ist wie Thomas Manns literarisches Innenleben auf Speed – klug, schräg, herzzerreißend und mit einem überraschend hohen Unterhaltungswert. Lahme hat nicht nur recherchiert, er hat gegraben. Und gefunden. Ich bin begeistert. Fünf Sterne – ohne Wenn und Aber.

Thomas Mann
Thomas Mannvon Tilmann Lahmedtv Verlagsgesellschaft
12. Juli
Bewertung:5

Meiner Ansicht nach, hat Tilmann Lahme eine großartige Biografie erzählt. Thomas Mann war eine komplexe, intelligente Person. Er hat sich politisch entwickelt, hat sich von Argumenten überzeugen lassen und seine eigenen Ansichten überdacht. Letztlich wollte er wie alle kunstschaffende Anerkennung und Ruhm genießen. Manchmal erreichte er dies mit sehr streitbaren Methoden. Nach dem Lesen dieser sehr gut aufgearbeiteten Biografie bleibt ein Eindruck, die jede lesende Person berühren muss….. Er war ein erfolgreicher Schriftsteller, der letzten Endes die Anerkennung bekam, nach der er sich im beruflichen sehnte. Jedoch durfte er nie seine wahre Persönlichkeit zeigen. Er wurde dazu verdammt, eine Fassade zu errichten, hinter die nie jemand wirklich schauen durfte und vor deren vermeintlich dunklen Seiten er sich selbst stark fürchtete. Wenn man sich die damaligen wissenschaftlichen “Ergüsse“ zur Homosexualität anschaut, wird jeder Person klar, warum Mann eine Maske aufsetzen musste. Im Nachhinein bleibt der Gedanke, dass er ein Mann, ein Mensch war, der nie richtig lieben durfte und dass macht ihn, nur aus dem persönlichen Aspekt heraus, zu einer tragischen Figur. Eine tolle Biografie für jeden, der mehr über den privaten Thomas Mann erfahren möchte. Sehr flüssig und verständlich geschrieben. Hat mir noch besser als die Biografie von Kurzke gefallen.

Thomas Mann
Thomas Mannvon Tilmann Lahmedtv Verlagsgesellschaft
16. Juni
»Es kenne mich die Welt nicht nur in dem, was ich als Literarisches geleistet habe, sondern in meinem Leid und in meinem Kampf.«
Bewertung:5

»Es kenne mich die Welt nicht nur in dem, was ich als Literarisches geleistet habe, sondern in meinem Leid und in meinem Kampf.«

Was Hermann Kurzke bereits vor über 25 Jahren angerissen hat, wird von Tilmann Lahme mehr in den Fokus gerückt, gar zur Hauptthematik des Buchs – Thomas Manns Homosexualität. Doch war er ein Homosexueller, ein bisexueller Mann oder doch heterosexuell mit den in der Forschung sog. „homoerotischen Neigungen“? Laut Tilmann Lahme war er eindeutig homosexuell und das belegt seine Argumentation an bisher unveröffentlichten Briefen mit seinem Schulfreund Otto Grautoff, zensierten Tagebucheinträgen, die bewusst (!) zurückgehalten wurden und deutlichen Hinweisen in seinen Werken. All das lässt kaum Zweifel offen und trotzdem erregt dieses Buch großen Unmut. Warum will man Thomas Mann nicht als Homosexuellen sehen? Thomas Mann selbst sprach oft von seinen fünf großen Lieben, alles junge Männer, darunter nicht mal seine Frau. Noch dazu wollte er selbst, dass seine Tagebücher veröffentlicht und er als derjenige erkannt werde, der er wirklich war und nicht nur vorgab zu sein. Frühe „wissenschaftliche“ Lektüren, wie die „Psychopathia sexualis“ von Richard Krafft-Ebing, die Homosexualität im harmlosesten Fall als Perversion schildert, hat ihn zeitlebens sehr beeinflusst und animiert gegen seine Sexualität vorzugehen, worauf der Autor detailliert eingeht. Anders wie bei sonstigen Biografien über Mann nehmen seine frühen Jahre bis zur Ehe im Jahr 1905 die Hälfte des Buchumfangs ein. Zudem ist die Biografie äußerst unterhaltend geschrieben und regt zum Nachdenken an. Nachdem diese Biografie Thomas Mann erstmals als Homosexuellen schildert, der sein Leben grandios als ein heterosexuelles inszeniert hat, wäre als Nächstes ein neuer Blick auf die Ehe mit Katia – mit der er sich selbst eine „Verfassung“ gegeben hat – interessant. Und was hat überhaupt Susan Sontag mit Thomas Mann zu tun? In diesem Buch erfährt man so viel über Thomas Mann und ich gebe Daniel Kehlmann recht: „Wer nur ein einziges Buch über Thomas Mann lesen möchte, sollte dieses auswählen.“

Thomas Mann
Thomas Mannvon Tilmann Lahmedtv Verlagsgesellschaft