Ich hatte schon länger vor mich irgendwie mit James Baldwin und seinem Werk auseinander zu setzten, da kam mir diese neue Biografie gerade recht. Zu mal der Autor den Zugang zu Baldwin vor allem darüber sucht, im Grunde sein Werk zu lesen und es mit der Biografie in Zusammenhang zu setzen. Das Ganze ist daher auch eher keine normale Biografie, sondern besteht aus einzelnen Essays die im Fokus Baldwins Werk haben. Man kann diese daher sogar jeweils losgelöst lesen, um sich einem ganz bestimmten Abschnitt seines Lebens und vor allem eben seiner Werke zu widmen. Letzend Endes kommt es auch so ein bisschen darauf an, was man konkret sucht. Wer wie ich irgendeinen Zugang zu Baldwin sucht, findet hier sicher auch Ansätze, wer aber eher eine klassische Biografie lesen möchte ist hier meiner Meinung nach eher falsch. Auch weil "Der Zeuge" eher eine wissenschaftliche Abhandlung ist und kein leicht zugängliches Sachbuch. Wer Spaß an dieser Art Texte hat, freut sich bestimmt. Aber persönlich würde ich tatsächlich eher abraten, es sei denn man sucht genau dieser Art von wissenschaftlicher Einordnung. James Baldwin sah sich laut René Aguigah als Zeuge seiner Zeit, der sieht was passiert und darüber schreibt und auch die Erinnerung an Menschen die er getroffen hat am Leben halten möchte. Ein Schriftsteller geprägt von Autoren wie Henry James auf der einen Seite, aber eben ganz konkret auch als Schwarzer Homosexueller in den USA, wärend der Rassentrennung und Diskriminierung von Queeren Menschen. Das prägt sein Schreiben, ob er das wollte oder nicht. Und das macht ihn noch heute gerade deshalb zu einem der wichtigsten amerikanischen Autoren des 20. Jahrhunderts. Mich hat Baldwin tief beeindruckt. Auch wegen der Menschen mit denen er zu tun hatte (etwa Malcom X, Martin Luther Kind, Maya Angelou, Toni Morrison) , mit den Fragen die sein Werk durchzieht hat er einer Generation eine Stimme verliehen und gleichzeitig war er Zeuge genau dieser Umbrüche und scheint nie ganz sicher zu sein, wie er ganz persönlich reagieren soll. Am Ende bleibt für mich die Frage noch offen, ob ich seine Bücher lesen werde. Momentan habe ich den Eindruck das ich sein Leben eigentlich spannender finde, als seine gesammelten Werke. Andererseits denke ich, das man ihn nur komplett sehen kann, wenn man beides im Blick hat.
James Baldwin als Zeitgenosse 💕
James Baldwin würde heute seinen 100. Geburtstag feiern und wir feiern mit. René Aguigah hat ein umfangreiches Buchporträt über den herausragenden Schriftsteller und Bürgerrechtler verfasst. „Der Ort, in den ich hineinpasse, wird nicht existieren, bis ich ihn schaffe.“ Was für ein Satz von James Baldwin - seine Literatur durchläuft aktuell einen Trend und wird von vielen Lesern neu entdeckt, da findet man in den sozialen Medien auch mal das eine oder andere Zitat der wichtigen Figur der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung wieder. Zu Zeiten des Antikommunismus, der Rassentrennung und Homophobie wird Baldwin 1924 in den von Armut geprägten New Yorker Stadtteil Harlem geboren. James’ Erziehung war ungeheuer streng - seine Mutter war im Prinzip dauerschwanger (neunmal) und sein Stiefvater, ein Baptistenprediger, nie zu Hause. Sein erster Roman mit dem programmatischen Titel „ Von dieser Welt“ bekam große Aufmerksamkeit. Bereits zuvor, Ende seiner Zwanziger, begann er mit dem Schreiben durch das Verfassen von Rezensionen. Seine Art und Weise sich auszudrücken strahlte eine große Überzeugungskraft aus, die sich in diversen Filmdokumenten spiegelte. Ich würde ihn als Realist mit klarer politischer Haltung bezeichnen. Sein Talent lag in der Fähigkeit, Herzenswärme mit Genauigkeit verbinden zu können - nicht ohne dabei eine klare politische Stellung zu beziehen. Aguigah hat „James Baldwin - ein Zeuge“ entlang des Werks, den Romanen und Essays geschrieben, sowohl „Von dieser Welt“ als auch die bisexuelle Liebesgeschichte „Giovannis Zimmer“ und „Ein anderes Land“ oder „Beale Street Blues“ spielen eine Rolle für „James Baldwin - Der Zeuge.“ Baldwin schrieb seine Literatur stets an seinem eigenen Leben entlang und orientierte sich nah an der Wirklichkeit - so schaffte er es auch, realistische Figuren zu kreieren, die mit ihren Widersprüchen leben. Baldwin fühlte sich weder in Amerika, noch in Europa zugehörig - eine zentrale Thematik, die sich durch sein Leben zog. Es gibt Stimmen, die meinen, er vereine einige Ambivalenzen in seiner Person. Also schauen wir mal: Er war Schriftsteller und Aktivist, Schwul und Schwarz - schwankte zwischen Essays und Romanen. Ich würde sagen, er war vor allem eins: Ein unruhiger Geist, der durch die Welten wanderte. Die Blackpower-Bewegung erkannte ihn aufgrund seiner Queerness nicht an und die schwule Bewegung, weil er ein Schwarzer war. Die herausragenden Persönlichkeiten des politischen Kampfes waren in den 50er Jahren unweigerlich Martin Luther King und Malcolm X – doch verschrieben sie sich der Politik und nicht der Schriftstellerei. James Baldwin wanderte nach Frankreich aus, da er sich dort ein besseres Leben erhoffte. Dennoch hat er es verdient, als dritte große Figur der Schwarzen Bürgerrechtsbewegung gewertet zu werden. Wie kam es nun zum Buchtitel „Der Zeuge“? Aguigah benennt Baldwin als einen “Zeugen”, weil er in ihm die Vereinigung der Ambivalenzen zu erkennen vermag: „Bezogen auf die Aufgabe an der Schreibmaschine betont die Zeugenschaft, dass es dem Schreiben nicht um Kunst um der Kunst willen, sondern um etwas in der Welt geht. Bezogen auf den politischen Protest rückt sich der selbsternannte Zeuge ein wenig an den Rand der Arena: Er war dabei, aber nicht im Zentrum; er lief mit, aber mit dem Notizbuch in der Hand.“ Lässt sich so seine plötzlich zunehmende Berühmtheit in Deutschland erklären? Ich würde sagen: Ja, denn Baldwin führt uns die Ignoranz der weißen Dominanzgesellschaft gegenüber großen Teilen der Gesellschaft eindringlich vor Augen. Der schönste Satz Aguigahs mit der wichtigsten Botschaft war für mich: „James Baldwin ist unser Zeitgenosse.“ Das verinnerlicht man sofort nach der Lektüre von Baldwins Romanen und „James Baldwin - Der Zeuge“ zollt seinen Tribut zu einem Verständnis dieses Satzes. Und wie könnte ich die Rezension schöner enden lassen, als mit einem Zitat Baldwins‘?! „Die Welt ist nicht mehr weiß, und sie wird nie mehr weiß sein.“

