22. Dez.
Bewertung:4

Aus dem Norwegischen von Gabriele Haefs und Andreas Brunstermann - erschienen 2023 bei C.H.Beck - 331 Seiten Kinder klammern sich nachts noch immer aneinander, warum tun die das? Mona wusste es nicht. Sie sagte: Ich hätte auch gern jemand zum Anklammern gehabt. Du hast doch mich. Jetzt, ja. Aber als ich klein war. Ein sehr dichter Roman, in den ich zunächst schwer reingefunden habe. Dialoge ohne Anführungszeichen, zum Teil nicht ganz logische Wortwechsel, dann jedoch die Erkenntnis, das dies der Übersetzung aus dem Norwegischen geschuldet ist; und hat man sich darauf eingelassen, fällt es einem nicht mehr schwer, in die Geschichte einzutauchen. Eine Geschichte, die von den Kindern im besetzten Norwegen geprägt wird. Kinder, die aus einfachen Verhältnissen stammen und die sich in eine Welt geworfen sehen, in der nichts mehr so ist, wie es sein sollte. Auf die Erwachsenen, auf die Eltern scheint keion Verlass. Diese haben ihre eigenen Sorgen und sehen ihre Kinder nicht, sehen nicht, wie diese entgleiten und sich einer Verantwortung stellen, die zu groß ist für sie. Carl, Olav, Mona, Roar und die anderen, die Sthelen und betrügen, um ihre Familien zu versorgen - und die dabei ihre Kindheit einbüssen müssen. Carl, der plötzlich in die Fußstapfen seines verhassten Vaters treten muss, der aber (wie er dann doch erkennen muss) ein Held, ein Widerstandskämpfer war. Olav, dessen Vater - immer in Sorge und Angst vor der Welt - nach Schweden geflohen ist; und dessen Mutter sich ebenfalls absetzt, so dass sich Olav plötzlich allein um seine beiden kleinen Geschwister kümmern muss - obwohl er selbst noch ein Kind ist. Mona, verliebt in Olav, wird zur Ersatzmutter von Olavs Geschwistern. Roar, der sich zu einem Verbrechen gedrängt fühlt, welches schlimmer ist, als die Einbrüche und Diebstähle, mit denen die Kinder vormals ihre Familien am Leben gehalten haben. Und über all dem, der Nationalsozialismus, die Deutschen, die Kollaborateure - die Denunzianten. Durch all dies begleitet der Leser die Kinder und deren Eltern. In der Zeitspanne des Krieges und schließlich darüber hinaus. Eine Familiengeschichte der anderen Art, die einen immer wieder nachdenklich zurücklässt. Kein Buch, das ich als Pageturner im eigentlichen Sinne beschreiben würde - Pausen sind immer wieder notwendig und einige Längen und Unklarheiten sind durchaus auch zu überwinden. Im Großen und Ganzen aber ein eindrucksvoller Roman mit Tiefe. Kein Wohlfühlbuch aber ein starkes Buch. Ich bin froh, es gelesen zu haben, hat es mir doch neben dem literarischen Erlebnis auch einen Einblick in ein Norwegen (und auch Schweden) geboten, den ich so nicht kannte. 4/5

Die Unwürdigen
Die Unwürdigenvon Roy JacobsenC.H.Beck